1922 erschien wohl das bedeutendste Gedicht der Moderne schlechthin - T(homas) S(tearns) Eliots "Waste Land" (dt. "das wüste Land"). Die Struktur ist in fünf Teile gegliedert: The Burial of the Dead (Das Begräbnis der Toten), A Game of Chess (Eine Schachpartie), The Fire Sermon (Die Feuerpredigt), Death by Water (Tod durchs Wasser), What the Thunder said (Was der Donner sprach).
Schon bald wird klar, um konventionelle Lyrik im Sinne eines gepflegten Versmaßes geht es nicht. Auch nicht eine geschlossene Geschichte. Aber das sollte niemanden abschrecken, denn was Eliot in aller erster Linie bietet, ist ein wahrer Bilderrausch, bestehend aus zahllosen, aneinader gereihten Bild- und Dialogfetzen. Zitate aus der Bibel, aus Dantes "göttlicher Komödie", Shakespeare, Baudelaire oder aus Richard Wagners "Tristan und Isolde" durchziehen das gesamte Werk und erzeugen so einen regelrechten assoziativen Scherbenhaufen. Dabei versteht sich das Werk - der Titel macht es deutlich - als eine gesellschaftskritische Bestandsaufnahme.
Bereits der erste Satz "April is the cruellest month" verkehrt den freudigen Willkommensgruß an den April in Chaucers "Caterbury Tales" ins Negative. Auf den folgenden Seiten verdichtet sich der Eindruck einer Welt, deren Werte brüchig geworden sind und die ein anscheinend nur noch sinnentleertes Dasein ermöglicht. Diese Bestandsaufnahme verkündet uns Eliot manchmal poetisch "Oed' und leer, das Meer" oder in einer etwas längeren Passage reichlich zynisch:
"That corpse you planted last year in your garden,
Has it begun to sprout? Will it bloom this year?
Or has the sudden frost disturbed its bed?
Oh keep the Dog far hence, that's friend to men,
Or with his nails he'll dig it up again!"
An einer zentralen Stelle verbindet Eliot das menschliche Dasein mit einer Selbsterklärung seines Kunstwerks: "Son of man, you cannot say or guess, for you know only a heap of broken images..." ("O Menschensohn, du kannst nicht sagen, raten, denn du kennst nur Gehäuf zerbrochner Bild..."). Das Gehäuf zerbrochener Bilder ist die Kunstform hinter diesem gewaltigen Gedicht, das die Inspiration des Lesers auf Reisen gehen lässt. Und auch die vieler Nachfolger von Eiot - man findet solche Bilder in der schonungslosesten und radikalsten Form etwa bei einer Sylvia Plath.
Doch ganz so allein mit den zerbrochenen Bildern lässt Eliot seinen Leser dann doc nicht. Immerhin gibt es im wüsten Land einen Suchenden. Wer ist dieser Kerl eigentlich? Nun, wer den Kommentar betrachtet, der stößt auf den Titel "From Ritual to Romance" von Jessie Weston, woran sich Eliot teilweise orientierte. In jenem Text wird beschrieben, dass Arthus- und Gralsdichtung dem Gralshelden die Aufgabe der Wiederherstellung der Lebenskraft seines Landes ist. Die Suche, die sich durch die fünf Teile hindurch zieht, ist in diesem Sinne als Suche nach dem Rezept zur Heilung der Gesellschaft zu verstehen, in gewisser Weise zur Wiederherstellung der Moral. Ob's für ein Happy-End reicht, das zu erfahren sei jedem Leser selbst überlassen. Und wem das Ganze zu pessimistisch ist, der sollte nicht vergessen, dass auch ein Scherbenhaufen noch nützlich sein kann: "These fragments I have shored against my ruins" ("Diese Scherben hab ich gestrandet, meine Trümmer zu stützen").