Wir haben unserem Sohn zu Weihnachten ein kleines Mikroskop geschenkt. Als Ergänzung bekam er dieses Buch; die Idee war, dass wir daraus ein paar Anregungen zum Ausprobieren entnehmen können, z.B. wie man Präparate herstellt etc.
Das Buch ist offensichtlich wirklich von einem Wissenschaftler geschrieben, sehr fundiert und sehr umfangreich. Es ist wirklich alles enthalten, was zum Thema "Mikroskop" kindgerecht gesagt werden kann. Es gibt zahlreiche Anregungen, detailierte Darstellungen, wundervolle Abbildungen, kurz Alles, was der angehende Nachwuchswissenschaftler braucht.
Hier eine kleine Übersicht der behandelten Themen:
- Was ist der Mikrokosmos?
- Geschichtliches
- Von der Lupe zum Mikroskop (Aufbau, wie funktioniert es usw.)
- Das eigene Mikrospkop (Tipps zum Kauf, Zubehör und Pflege)
- Wie beobachtet man richtig? (Sehr viele praktische Tipps und Anregungen, z.B. verschiedene Haare und Fasern, Blütenstaub, Nachweis von Stärke in Lebensmitteln, Herstellung von Präparaten, Dünnschnitt)
- Streifzüge im Wassertropfen (Wie fängt man Plankton, Wasserflöhe, Wimperntierchen, Algen, etc.)
- Feinbau von Tieren (Untersuchungen an Insekten, Spinnen...)
- Mikroskope der Profis (Rastertunnelmikroskop, Sichtbarmachen von Atomen...)
Wie gesagt, jedes der Themen ist ausführlich, wissenschaftlich präzise und korrekt vorgestellt. Besonders der mittlere praktische Teil ist wirklich gut.
Dieses Buch ist absolut empfehlenswert...
WENN Ihr Kind bereits seit längerem mikroskopiert und nun klar ist, dass dies sein festes, ernsthaftes und dauerhaftes Hobby sein wird. Den Einsteiger erschlägt diese Informationsflut geradezu.
Ich möchte ein paar Stellen zitieren, damit man besser versteht, warum mich die Informationstiefe eher abschreckt:
- Thema: Tipps zum Mikroskopkauf: "Am günstigsten für den Anfang ist ein Kursmikroskop, wie es mehrere Firmen für einige Hundert Euro anbieten. Seine Auflösung ist weit besser als die der Billiggeräte"
Also unser Sohn hat als Einsteigermodell ein "Billiggerät" für 50.- bekommen, weil wir erst mal sehen wollten, wie lange ihm das Mikroskop Spaß macht. Ich wage mal die Behauptung, dass 99% der Eltern das eher so handhaben wie wir und nicht wie der Autor - auch wenn ich ihm aus wissenschaftlicher Sicht recht gebe.
- Thema: Wie beobachtet man richtig?: "Man hat nur gesehen, was man gezeichnet hat. (...) Darum sollte man sich angewöhnen, von allen Objekten Skizzen oder richtig ausgearbeitete Zeichnungen anzufertigen und sie in einem Beobachtungstagebuch, etwa einem Ringbuch, zu sammeln."
Da hat er Recht. Ich bin selber wissenschaftlich ausgebildet, komme aber aus der Teleskop-Ecke. Wir sagen aber Hobbyastronomen exakt dasselbe: Lange Spaß hast Du an Deinem Hobby nur, wenn Du das Gesehene festhälst wie ein Profi. Aber ob sich ein Kind, das gerade ein neues Mikroskop geschenkt bekommen hat und loslegen will und ausprobieren will und ungeduldig ist, sich daran halten möchte? Vielleicht haben Sie zeichenfreudigere Kinder als ich, aber nach meinen Erfahrungen als Mutter bezweifle ich es.
- Thema: "Dunkelfeldbeleuchtung": "...Verstelle den Beleuchtungsspiegel oder decke die Lampe mit etwas schwarzem Papier so ab, dass kein direktes Licht ins Objektiv kommt. Das Präparat soll aber noch Streulicht erhalten."
Bei solchen Beschreibungen höre ich schon regelrecht, wie mein Sohn ankommt: "Ich krieg's nicht hin, kannst Du mir helfen?" Und klar, man versucht's dann selber. Es gibt übrigens keine Abbildung hierzu, nur die Beschreibung. UND: Es gibt bei der beschriebenen Herstellung verschiedener Präparate durchaus kompliziertere Schritte, bei denen nur exaktes Arbeiten zum Erfolg führt. Daher: Nur für Kinder, die schon exakt arbeiten können/wollen! Und Sie sollten sich ebenso begeistert auf gemeinsame Mikroskopierstunden einstellen...
Besser hätte ich es gefunden, wenn der Autor einen Einsteiger- und einen Fortgeschrittenenteil gemacht hätte. Weil das Buch mMn viele Kinder (und Eltern) überfordern dürfte, ziehe ich 1 Sternchen ab.
Einen weiteren Kritikpunkt habe ich noch:
Wie gesagt, das Buch enthält zahlreiche Abbildungen, die zeigen, was man mit dem Mikroskop beobachten kann: Wimperntierchen, Blütenpollen, Algen usw.
Im Gegensatz zur sonst vorherrschenden wissenschaftlichen Exaktheit hat der Autor hier aber durchgängig vergessen, anzugeben, wie stark die Objekte für das jeweilige Bild vergrößert wurden. Diese Information vermisse ich sehr, denn wenn mein Sohn und ich etwas aussuchen, was wir nachmachen wollen, wissen wir nun nie, ob die Auflösung unseres Mikroskops reichen wird oder ob wir gar nichts sehen werden. Dafür ziehe ich das 2. Sternchen ab.