Lange Zeit wurde das Bild des ältesten Bach-Sohnes von einem Roman und einem Film bestimmt, die nichts mit seinem wirklichen Leben zu tun hatten. Nun darf er wieder selbst sprechen: durch seine Musik. (Auf der CD findet man fast lauter Ersteinspielungen.) Natürlich merkt man, daß Friedemann der Sohn seines Vaters ist: die Kantaten sind ähnlich aufgebaut und man muß schon Experte sein, um zu hören, daß die Musik nicht von Johann Sebastian ist. Aber Wilhelm Friedemann ist keineswegs epigonal, denn - soweit ich das beurteilen kann - muß er den Vergleich mit dem Vater keineswegs scheuen. Mag sein, daß er etwas eingängiger komponiert, man könnte aber auch sagen: emotionaler, feuriger. Wie der Vater zeigt er sich nicht nur als Musiker, sondern auch als Theologe. (Die Himmelfahrtskantate auf der CD hat mir den Sinn von Himmelfahrt erstmals richtig erschlossen.)
Die vorliegende Einspielung kombiniert Leidenschaft mit Werktreue - genau das Richtige für Wilhelm Friedemann Bach. Meine einzige Kritik: die Hörner platzen manchmal etwas laut heraus, obwohl sie meist nur eine Begleitstimme haben. Das dürfte an der Abmischung liegen - bei der Ausstrahlung auf "arte" fiel es mir nicht so auf.
Ich hoffe, daß diese CD hilft, den Werken Wilhelm Friedemann Bachs in der Kirchenmusik einen festen Platz zu geben. Verdient hätten sie es.