Ohne seine Amtszeit weder in positiver, noch in negativer Weise zu werten, kann man doch sagen, dass kein US-Präsident einen deutlicheren Stempel auf Amerika und der Welt hinterließ, als George W. Bush; seit Chaplins "Der große Diktator" war wohl eine politische Biographieverfilmung nicht mehr so angebracht und notwenig und mit Oliver Stone, dem Chronisten aller Schlaglöcher der jüngeren amerikanischen Geschichte (von Vietnam über die Ermordung Kennedys über Watergate bis hin zum 11. September), hat dieses Leben den richtigen Regisseur gefunden.
Der Film läuft auf zwei Zeitebenen, die sich quasi in der Mitte treffen: Zum einen erfahren wir die schon von diversen Quellen enthüllte nicht sehr ruhmreiche persönliche Vorgeschichte des jungen George Bush; in einer Paralellebene illustriert der Film die politische Nahtstelle von Bushs Amtszeit von 2002 bis kurz nach der Invasion im Irak. Es ist dem Regisseur hoch anzurechnen, dass er bei der Darstellung von Bushs Jugendjahren nicht mit erhobenem Zeigefinger auftritt, sondern in erster Linie nur zeigt: Der junge Bush ist ein wackerer Draufgänger, der sich vom Leben treiben lässt, die Feste feiert, wie sie fallen, und sich keinen Genuss entgehen lässt, und der keinesfalls unsympathisch wirkt ' es drängt sich der Gedanke auf, dass in anderen Filmen eine solche Figur einen hervorragender Anti-Helden abgegeben hätte. Erst mit seinem Eintritt in die Politik wendet sich das Blatt: Sein Vater, der untadelige Präsident, wird für Bush die entscheidende politische und persönliche Messlatte seines Lebens; und als Bush senior 1991 nach dem Ersten Golfkrieg Saddam wieder laufen lässt, und die Militäroperation frühzeitig für beendet erklärt (was ihn schlussendlich die Wiederwahl kostet) setzen sich gewisse Ideen im Kopf seines Sohnes fest: Was man beginnt, muss man auch zu Ende führen.
Hauptdarsteller Josh Brolin hat die Figur genau studiert, und seine Wiedergabe ist präzise, ohne jemals in die Karikatur abzudriften: Der ausladende texanische Gang, der vielen Fernsehzuschauern von diversen Staatsbesuchen noch bekannt sein dürfte, die etwas unbeholfene Gestik und allem voran der exakt kopierte Sprachduktus. Diese Darbietung (unterstützt von einer Riege klug ausgewählter Nebendarsteller) macht die Figur greifbar: Hier steht kein Kretin auf der Bühne; auch keine traurige, heillos überforderte Figur, sondern ein Mensch, der sich in den Kopf gesetzt hat, die Fehler seines Vaters zu korrigieren, und diesmal alles richtig zu machen - koste es, was es wolle.
Trotz der grundlegend fairen und differenzierten Darstellungsweise erliegt der Regisseur leider doch allzu häufig der Versuchung, das Potential für unfreiwillige Komik, das Figur und Werdegang George W. Bushs bietet, für billige Effekte und kurzweilige Lacher zu nutzen: Dass beispielsweise eine zwanzigsekündige Sequenz, in der sich der Präsident an der geschichtsträchtigen Salzbrezel verschluckt, in den Film aufgenommen werden musste, der 11. September 2001 aber vollständig außen vorgelassen wird, und quasi nur als Rahmenhandlung dient, ist ein dramaturgischer Lapsus, der dem politischen Anliegen des Films nicht gut tut. Auch an anderer Stelle wäre manchmal ein Schritt künstlerischer Distanz nötig gewesen: Anstatt sich den Präsidenten durch Wort und Tat selbst entlarven zu lassen (so wie er es ja vor der Weltöffentlichkeit ununterbrochen tat), bevormundet Oliver Stone sein Publikum allzu häufig, in dem er entweder Bush bei unmöglichen Handlungen zeigt (ihn entweder mit offenem Mund kauen lässt, oder ihn an anderer Stelle sogar flüchtig auf der Toilette zeigt) oder durch vollkommen unpassende Musikeinspielungen Szenen markiert, die sich rückblickend betrachtet als fatal herausstellten (nachdem die Invasion in den Irak beschlossen wurde, erklingt "Glory, glory Halleluja") - bis auch der sturste Republikaner kapiert, was er da für eine Katastrophe ins Weiße Haus gewählt hat.
Trotzdem, ob er will oder nicht, am Ende des Films ist der Zuschauer der Figur des 43. Präsidenten auf fast unheimliche Art und Weise näher gekommen: Die Politik dieser acht Jahre mag auch weiterhin nicht nachvollziehbar sein, aber nun begreift man zumindest, woher der Impuls dazu kam. Und dass Stone es schafft, tatsächlich eine Art klinisches Verständnis für George W. Bush herzustellen, den Mann, der dem größten Teil der Welt auf ewig ein Rätsel bleiben wird, ist tatsächlich eine Leistung, die Anerkennung verdient.
Es hätte dem Film dennoch gut getan, hätte Stone das Projekt vielleicht noch ein Jahr ruhen lassen, bevor er sich auf den Regiestuhl setzte: So hätten manche Unebenheiten im Drehbuch ausgebügelt, manche allzu platten Einfälle verworfen werden, und das Drehbuch vielleicht mit der historischen Realität in Einklang gebracht werden können - man denke nur an die Schuhwurf-Szene im Irak: Ein schönerer und aussagekräftiger Schlussakkord für so einen Film, wie auch für Bushs politisches Wirken ist doch kaum denkbar.