Erzählungen von unglaublich magischer Kraft
Immer wieder taucht er auf, der Damâwand, der Berg mit seinen sechstausend Metern Höhe, die Krone Teherans, taucht auf mitten in Berlin, auf dem trüben Wasser der Spree wächst er in die Höhe, gleitet über die Ufer und ist einfach da.
Sparsam und frei von falschem Pathos entwirft so die iranische Autorin Sudabeh Mohafez ihr Szenarium in der Kurzgeschichte „Sediment", das ohne die abgenutzten Worte Heimweh oder Sehnsucht auszukommen vermag. Überhaupt ist in dem schmalen, wunderbar gestaltete Erzählband mit dem Titel „Wüstenhimmel Sternenland" eine ganz erstaunliche literarische Stimm zu vernehmen, die es vermag, Poesie und Realität auf eine berührende aber auch bestürzende Weise zu verbinden. Im vom Umfang her längsten Text „Vor Allâhs Thron" sucht ein Teheraner Putzfrau ihre wohlhabende deutsche Arbeitgeberin auf, um ihr die Frage zu stellen: „Werden Sie gehen?" Dann holt sie deren kleinen Sohn, der tagtäglich der Gewalt und Misshandlung durch den tyrannischen Vater ausgesetzt ist, aus der Schule und nimmt in für eine Nacht mit in ihre Höhle am Stadtrand. Äußerst genau und ohne vordergründig zu moralisieren, zeichnet Sudabeh Mohafez die Porträts zweier Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein können, und eröffnet ihnen ganz vorsichtig die Möglichkeit zur Verständigung. Gewalt ist ein zentrales Motiv der Erzählungen, insbesondere Gewalt gegenüber Kindern. Dennoch kommen die Geschichten leise daher, in einer Intensität, die in Traumbildern verwegene Möglichkeiten aus scheinbar ausweglosen Situationen eröffnen. Die Titelgeschichte, in der zwei Kinder im Krankenhaus einander ihre Geschichten erzählen, endet mit dem kurzen Dialog: „Was, wenn ich nicht aufwache?" „Tu's einfach, (...) wach einfach wieder auf!"
Sudabeh Mohafez, ,1963 in Teheran geboren lebt seit 1979 in Berlin. Sie studierte Musik, Anglistik und Erziehungswissenschaften. Lange Zeit war sie als Geschäftsführerin des 2. Autonomen Frauenhauses in Berlin tätig, sowie als Lehrbeauftragte an der TU Berlin mit dem Schwerpunkt „Bikulturelle Lebensrealitäten". Heute arbeitet sie als Übersetzerin und Lektorin sowie als Leiterin von literarischen Schreibwerkstätten in Deutschland und Portugal. Auf ihren Roman, an dem sie derzeit arbeitet, darf man äußerst gespannt sein.
Undine Materni