Ich war sicher nicht der einzige, der bei der Nobelpreisverleihung 2008 fragte: LeClezio? Wer ist das? Die Lektüre des vorliegenden Buches sollte mir die Frage beantworten. Aber um die Wahrheit zu sagen: nachdem ich das Buch gelesen habe, bin ich auch nicht viel weiter. LeClezio? Wer ist das? Und vor allem: was soll das vorliegende Buch?
Wie jeder allein schon aus dem Seiten-layout ersehen kann, handelt es sich bei dem vorliegenden Roman auf jeden Fall um zwei Bücher, deren einzelne Kapitel ineinander verschachtelt erzählt werden. Kapitel 1,3, 5 (und so weiter) handelt von einem Nomadenstamm aus dem Süden Marokkos, dessen Lebensgrundlagen verdorren und der sich unter der Führung des Weisen Ma-el Ainin in einem entbehrungseichen Marsch nach Norden aufmacht, nur um vor den Mauern Tarudants und Marrakeschs keine Hilfe und schließlich in Dünen vor Agadir den Tod durch französische Kolonialtruppen zu finden.
Im Mittelpunkt von Kapitel 2,4, 6 (und so weiter) steht Lalla, ein junges marokkanisches Mädchen, das in einer Barackensiedlung am Rande des Ozeans lebt. Lalla lauscht den Erzählungen des Fischers Narma und besucht den "Hartani", einen schwarzen Hirten, den ein Krieger dereinst am Oasenbrunnen ablegte. Lalla saugt sich voll mit den Mythen der Wüste, berauscht sich den Geräuschen, dem Wind, den Tieren, den Pflanzen am Rande der absoluten Kargheit und ist glücklich, wenn sie bei Sonnenaufgang über die noch nachtharten Dünen laufen kann. Als sie an einen ungeliebten Mann verheiratet werden soll, flieht sie nach Frankreich, wo sie sich eine zeitlang in Marseille herumtreibt. In der Stadt, die ihr wie eine Zone des Todes erscheint, leidet sie an die Masse der Menschen, sie spürt die Leere und die Verzweiflung der Einheimischen und der Zuwanderer, die Einsamkeit, die Feuchtigkeit und die Gewalt, die in den schmalen Gassen lauern. Am Ende kehrt sie, hochschwanger nach Marokko zurück und gebiert auf einer Düne ihr Kind.
Soweit die Grundzüge der Handlung, die durchweg in poetischer Prosa erzählt wird. Am beeindruckendsten für mich war die dezidierte Entgegensetzung von Wüste und Stadt, von Weite und Enge, von Licht und Dunkelheit. Wo Lalla in pantheistischer Lebensbejahung über die heißen Dünen läuft, verkriecht sie sich in der Stadt in die hintersten Ecken, um die Unwirtlichkeit des Urbanen überhaupt überleben zu können. Was LeClezio über die Aura der Stadt, über Abfälle, die Geräusche, Ethnien und Einzelschicksale ( vgl. vor allem S. 292ff: ) schreibt, ist für mich große Literatur, weil der Leser diese Dinge auf eine neue und überraschende Weise mit den Augen eines Wüstenmädchens sehen lernt.
Ein Problem allerdings habe ich mit der Sprache. Le Clezio ist berühmt für seine nach landläufigen Begriffen "schöne" Sprache, er schreibt Sätze, die wie ein guter Rotwein auf der Zunge vergehen, er konstruiert Nebensätze, die harmonisch wie ein Oasenbach den Sinn umspielen. Nun verhält es sich aber mit der gehobenen Prosa ein wenig wie mit Maggi-Würfeln. Einmal hin und wieder ist ok, aber dauernd, das stumpft ein wenig ab. Über Hunderte von Seiten LeClezios gehobene Wüstenprosa zu lesen, kam mir ein wenig so vor, als höre ich die Stundenlang Ouvertüre und Finale auf einmal. Auf die Dauer ist das schwer erträglich.
Und schließlich hatte ich, je langer ich in "Wüste" las, das unbestimmte Gefühl, dass ich diese Diktion bereits kenne. Erst am Ende des Buches fiel mir auf: die Sprache, in der LeClezios das vorliegende Buch erzählt, ist die Sprache von Antoine de Saint Exupery in "Die Stadt in "Wüste." Wer will, kann die beiden Bücher wahllos nebeneinander aufschlagen und einzelne Passagen vergleichen, er wird frappierende Übereinstimmungen finden.
Wie immer man diese Übereinstimmungen auch bewerten mag, insgesamt hat mich das Buch nur teilweise überzeugt. Wer sich für die Wüste interessiert, wen die Hektik der urbanen Welt nervt, wer eine Reise durch Marokko, nach Tarudant oder Marrakesch unternehmen will, wird das Werk sicher mit Gewinn lesen. Aber ich hatte mir ehrlich gesagt, mehr versprochen.