Wenn man die Wörter "Kampfsport" oder "Kampfkunst" hört, denken die meisten spontan an Karate, Kung Fu oder eine andere fernöstliche Disziplin. Doch nicht nur im fernen Asien wurde gekämpft sondern auch in Europa war die kriegerische Auseinandersetzung der Ursprung zahlreicher Kampfkünste, die heutzutage jedoch bei Weitem nicht so verbreitet oder bekannt sind, wie ihre Gegenstücke aus Asien. Zahlreiche Fechtmeister haben schließlich ihre Erfahrungen und Techniken niedergeschrieben und mit Bildern, die vom Aufwand her manchmal schon kunstvolle Gemälde sind, veranschaulicht. Hans Czynner war einer von ihnen und sein Nachlass war eine faszinierende und umfangreiche Fechthandschrift, die bislang in der Universitätsbibliothek Graz schlummerte. Ute Bergner und Johannes Giessauf sind die Herausgeber von "Würgegriff und Mordschlag", um Czynners Fechthandschrift für jeden zugänglich zu machen.
Das Buch teilt sich in drei große Teile. Im ersten Teil geht es um das Originalmanuskript von Hans Czynner. Hier erfährt man alles Wissenswerte über die Handschrift, angefangen vom Beschreibstoff, über Vorbesitzgeschichte bis hin zu Inhalt und Struktur. Dieser Teil ist in aller Ausführlichkeit gehalten und geht mit wissenschaftlicher Genauigkeit ans Werk. Für Kampfsportler ist natürlich der genaue Inhalt der Fechtlehre wichtig. Czynner schreibt zu folgenden Bereichen: recht umfangreich zu Schwertfechten im Harnisch, Dolchfechten im Harnisch, Ringkampf; eher knapper und kürzer zum Rossfechten, Fußkampf im Harnisch und Bucklerfechten. Es sind hierbei interessante Parallelen zu anderen Fechtmeistern feststellbar, die von den Herausgebern aufgezeigt werden. Das bemerkenswerte bei Czynners Fechtlehre ist im meinen Augen, dass er zu vielen Stücken auch einen "pruch" und meist sogar auch einen "wyderpruch" darlegt, also einen Konter gegen eine Technik und einen Konter gegen den Konter. Dies ist bei anderen Fechthandschriften eher selten der Fall.
Der zweite Teil ist der Bildteil und bildet den Kern des Buches. Hier werden alle Seiten der Originalhandschrift als abfotokopierte Bilder dargestellt. Traditionell ist auf jeder Seite eine Technik zu finden, bei der man die Originalhandschrift von Czynner bewundern (und lesen) kann. Ebenso sind unter dem Beschreibungstext die Personenzeichnungen zu finden, die zur Unterstützung des Textes gemalt worden sind. Auf diesen Seiten mit den Abbildungen sind von den Herausgebern keinerlei Anmerkungen, Veränderungen oder dergleichen gemacht worden, man hat also das angenehme Gefühl, durch die tatsächliche Fechthandschrift zu blättern.
Im dritten und letzten Teil schlägt die Moderne wieder zu und präsentiert eine Transkription der Handschrift, um den Inhalt besser lesen und nachvollziehen zu können. Die hierfür angewandten Richtlinien werden zuvor dargelegt und abgeschlossen wird dieser Teil mit einem Glossar und einer Bibliographie (Anmerkung: bei der Seitenangabe im Inhaltsverzeichnis beim Punkt Glossar hat sich ein Fehler eingeschlichen: hier ist Seite 299 richtig, nicht wie angegeben 209).
Fazit:
Alles in Allem bin ich von dem Werk restlos begeistert. Es ist eine hochwertige, gebundene Ausgabe, die nicht nur die Fechthandschrift beinhaltet, sondern auch das "drum herum" berücksichtigt und erläutert. Dank der Transkription und den Bildern ist ein Lernen und lehren hieraus ebenfalls möglich. Für alle Interessierte an europäischen historischen Kampfkünsten ein unverzichtbares Werk und eine wirkliche Empfehlung.