Aus der Amazon.de-Redaktion
Auch wenn Raymond Carver (1938-1988) niemand war, dem man unbesorgt eine volle Flasche Whisky oder seinen Hund für einen Spaziergang um den Block anvertrauen konnte, auf seine Storys ist Verlass.
Dies zeigt überzeugend sein erster Erzählband, 1976 von ihm selbst zusammengestellt, mit dem ihm der Durchbruch in der literarischen Szene Amerikas gelang. Darunter sind neun Erzählungen erstmals in deutscher Übersetzung zu lesen. Carvers Spezialität, die von vielen Autoren seither nachgeahmt und nur selten erreicht wird, ist der knappe Dialog in alltäglichen Situationen. Am meisten kommt zur Sprache, während die Personen miteinander schweigen oder sich, je mehr sie reden, immer weniger sagen. John Updike dazu: "Carver bringt die Dinge in ihrem Schweigen zum Sprechen."
Die Storys brauchen keine lange Einführung. Sofort befindet sich der Leser mitten im Geschehen. Der Anruf einer fremden Frau entzieht der gesicherten Welt Arnolds den Boden. Der kurze Blick, den er im Gespräch in ihr Leben wirft, lässt ihn verstört zurück. Oder eine nebensächliche Bemerkung zweier Restaurantgäste nähren aufkeimende Zweifel des Ehemanns an seiner Frau. Bedeutungslose Kleinigkeiten, die, plötzlich hochgeschwemmt, eine ganze Existenz in Frage stellen. Achtung: Suchtgefahr! --Manuela Haselberger
Perlentaucher.de
Pressenotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.03.2000
In seiner höchst ausführlichen Besprechung würdigt Hubert Spiegel den amerikanischen Autor Raymond Carver (1938 1988) und das Unternehmen des Berlin Verlages, ihn in einer vierbändigen Ausgabe, deren erster Band nun vorliegt, neu übersetzt herauszugeben. Die Neuübersetzung besorgt Helmut Frielinghaus, dessen "Erhalt von Carvers lakonischem Tonfall" Spiegel ausdrücklich lobt. Neben die literarische Würdigung der meisterlichen Kurzgeschichten aus dem Alltag von Menschen, "die nicht gelernt haben, ihrer Ängsten Namen zu geben", setzt Hubert Spiegel biografische Fakten und Daten des Autors: dass Carver vor seinem so enorm erfolgreichen Debut ein hoffnungsloser Trinker war, dass er zeitlebens verwundert und dankbar war über seinen literarischen Ruhm, und dass sein Lektor Gordon Lish behauptet hat, die berühmte "minimalistische Erzählweise" Carvers sei allein seinem Lektorat und sogar Umschreibarbeiten zu verdanken, wozu Carver sich nie geäußert hat. Tatsächlich, so Spiegel, hat D.T.Max 1998 in der New York Times nach Einblick in die Originalmanuskripte bestätigt, dass Lish durchaus ein "Anteil am Erfolg Carvers" zugestanden werden muss. Aber sein Aufstand, so Max, gegen eine "amerikanische Ikone" könne nur scheitern; und das wird vermutlich auch für Tess Gallagher, die Witwe Carvers, gelten, schreibt Spiegel, die durch Manuskripteinsicht demnächst ihren Anteil an seiner Arbeit beweisen will. Denn einen "Rohdiamanten" zu schleifen, sei etwas anderes, als ihn selbst unter Hochdruck aus Kohlenstoff zu formen.
© Perlentaucher Medien GmbH