Viel Philosophie vermittelt die Autorin Rebekka Reinhard ja nicht in ihrem Büchlein, aber die Eleganz und Leichtigkeit, mit der sie es tut, ist bestechend. Vielleicht kann man das erst richtig ermessen, wenn man ein zweites Buch dagegenhält, das ebenfalls von einer promovierten Philosophin stammt, die auch eine philosophische Beratungsspraxis betreibt:
Alles in bester Ordnung oder wie man lernt, das Chaos zu lieben: Ein philosophischer Wegweiser vom Suchen zum Finden. Das von Ina Schmidt ist ernsthaft und inhaltsschwer, das von Rebekka Reinhard witzig und leicht. Ob es ein bißchen zu leicht ist, wird sich zeigen.
Das Büchlein ist für Frauen gedacht, aber im Vorwort steht, daß man es auch als Mann durchblättern darf :-). Es wird von langbeinigen Superfrauen bevölkert, darunter solchen, die alles haben: "Einen liebevollen Ehemann. Großartige Kinder. Einen gehorsamen Hund. Ein geräumiges Heim", in dem sie schicke Partys feiern, bei denen der illustre Freundeskreis ein Fünfgänge-Menü serviert bekommt. Gesund und gutaussehend sind sie, intelligent, akademisch gebildet, vielseitig interessiert und reich genug, um sich Traumurlaube auf allen Kontinenten zu leisten, aber nicht so reich, daß neben den Kindern die berufliche Karriere unwichtig wäre, und fürs Fitneßstudio ist natürlich auch noch Zeit. Und wenn die Beziehung einer dieser Superfrauen scheitert, dann deshalb, weil der männliche Partner ihren hohen Intelligenzquotienten nicht verkraftet.
Das ist ein Teil des Strickmusters, mit dem Rebekka Reinhard Philosophisches in mehr als fünfzig Mini-Einheiten mit netten Illustrationen und unglaublicher Leichtigkeit an die Frau bringt. Sie macht es jeweils in einem behenden Dreischritt:
□ A. Zuerst läßt sie ihre Leserinnen in die Lifestyle-dominierte Traumwelt atemloser Superfrauen eintauchen, indem sie schlaglichtartig einen Lebensaspekt beleuchtet.
□ B. Jedes dieser eine Seite langen humorvollen Geschichtchen läuft auf eine ultrakurze philosophische Betrachtung in Form eines Zitates oder Aphorismus hinaus.
□ C. Und jeweils zum Schluß stellt sie im Kleinergedruckten den zitierten Autor kurz vor.
FAZIT
Konzept, Didaktik und Stilistik sind zweifellos hervorragend und verdienen vier Sterne. Warum ich aber doch nur drei vergebe, hat zwei Gründe:
■ 1. Zum einen hätte sie Religionsführer besser einfach weggelassen.
■ 2. Und zum anderen sind der Autorin einige der kleinen Miniaturen leider mißglückt. Um das Lifestyle-Leben eines idealen weiblichen Konsumenten auf kleinstem Raum humorvoll greifbar zu machen, feuert sie Salven von exquisiten Markennamen und hippen Urlaubslocations. Klischeehafte Übertreibung bliebe ja ein harmloses Stilmittel, wenn sie nicht manchmal vergäße, daß der Spaß auch einmal aufhören muß. Den (sowieso viel zu kurzen) philosophischen Teil selbst hätte sie nämlich unbedingt von allen Klischees freihalten müssen. Natürlich hat es möglicherweise einen netten Wiedererkennungswert bei den Leserinnen, wenn sie hören, daß Schopenhauer nur für Pessimisten taugt und daß Kant schwierig zu lesen ist. Leider will die Autorin manchmal lieber amüsant sein als ihren Leserinnen eine neue Einsicht zu verschaffen. Dabei weiß sie es doch besser, z.B. daß die folgende Schrift von Kant, die sich jeder sofort herunterladen kann, eben doch leichtverständlich ist:
Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?. Irgendeine überraschende Bemerkung zu diesen beiden Philosophen - jenseits der Gemeinplätze - wäre hilfreich gewesen.
Das, was der Autorin bisweilen famos gelingt, nämlich auf philosophische Originalliteratur neugierig zu machen, hätte sie als ihren durchgängigen Anspruch aufrechterhalten müssen.