Die Würde des Menschen ist längst nicht mehr so unantastbar, wie sie es sein sollte. Überall auf der Welt wird sie verletzt, missachtet, ausgeblendet und Zielen oder Sachzwängen" untergeordnet. Bereits Kant benannte jedoch den Menschen als Zweck - niemals als Mittel zum Zweck.
Stephan Mark untersucht in seinem Buch mit dem Untertitel Der blinde Fleck in unserer Gesellschaft" Ursachen und Folgen von Verletzungen der Menschenwürde. An seinem Buch haben mich viele verschiedene Dinge stark beeindruckt und so leuchten die 5 Amazon-Sterne wie Flutlicht.
Obwohl dem Buch wissenschaftliche Erkenntnisse und Gedanken zugrunde liegen, wurde es in einer Sprache verfasst die extrem gut verständlich ist und den Lesefluss nie hemmt. Es fällt ebenfalls auf, dass der Sprachstil zwar eher sanft ist, aber trotzdem vor sehr deutlichen Worten nicht zurückschreckt, wenn sie angebracht sind. Beispiel Ganztagsschule: Für die vielen Schüler, die die Schule als einen Ort des Grauens erleben, wird dieses Grauen dadurch nur noch verlängert."
Ebenso deutliche Worte findet der Autor für die wahren Ursachen der Amokläufe und das, was in Umkehrung daraus gestrickt wird, die Umleitungsschilder, die von den wahren Ursachen ablenken sollen: Waffengesetze, Computerspiele und Alarmknöpfe. In diesem Buch wird die komplette Tragik der Amokläufe erkannt und dargestellt. Der Leser erkennt, wie sich Demütigungen und daraus resultierende Scham summieren und zur Katastrophe führen können. Ich halte dieses Buch für einen extrem wichtigen Beitrag zu einer sinnvollen und effektiven Amokprävention. Da man die die hier aufgezeigten Mechanismen überdeutlich erkennt, wird jedem Leser sofort der einzig sinnvolle Weg klar.
Das Buch beschäftigt sich intensiv mit Schulen, da im Elternhaus und in der Schule die Weichen gestellt werden. Die Schule nimmt als Multiplikator hierbei jedoch eine besondere Rolle ein, die sehr ernst genommen werden muss. Ein guter Lehrer kann für Generationen Inspiration und Wegbereiter sein. Genau so kann jedoch ein schlechter Lehrer (meist völlig ungehindert) Generationen von Schülern belasten und einen zerstörerischen, vernichtenden Einfluss ausüben.
Stephan Marks beschreibt, wie in Bildung und Erziehung seit Jahrhunderten mit Demütigung, Schuld und Scham gearbeitet wird - ohne Rücksicht auf die Menschenwürde. Anhand der sehr vielfältigen Beispiele aus Kirchen, Militär, Schulen und Familien erkennt man schnell, wie oft Demütigungen und Beschämungen als Mittel zum Zweck eingesetzt werden, um Menschen letztendlich gefügig und lenkbar zu machen.
Der Autor erklärt überdies anhand eines Blicks in die Geschichte, dass Scham oft durch Generationen weiter gereicht wird - wie ein erdrückendes Erbe. Und so wachsen Menschen heran und sammeln auf ihrem Lebensweg einen wahren Berg von Demütigungen an. Manche zerbrechen unter der Last, werden von ihr erschlagen, fühlen sich minderwertig, schlecht und schwach - und resignieren am Ende, weil sie eines genau wissen: Es ist gleichgültig was ich unternehme oder leiste - es wird nie gut genug sein.
Herr Mark verfügt über eine ungeheure Intuition und beschreibt Alltagssituationen, die jeden Leser ansprechen und zu AHA! Erlebnissen führen. Man erkennt Ursachen, Mechanismen - und glücklicherweise auch die Auswege aus manchem Teufelskreis. Eigenes, gefühltes Wissen wird in diesem Buch wissenschaftlich untermauert und das ist einer der Gründe, warum man sich so wohl damit fühlt.
Wenn wir im Rahmen unserer Vereinsarbeit mit Opfern von Lehrergewalt sprechen, schleicht sich sehr oft auch der Gedanke ein: Mein Gott, was hat man diesem Menschen angetan - was wird hier weitergereicht? Manchmal sind die Antworten so offensichtlich, dass sie Außenstehenden fast ins Gesicht springen. Der Künstler, der nie Lehrer sein wollte - es aber aus wirtschaftlichen Zwängen musste. Der Leistungssportler, der nach einem Unfall Sportlehrer wurde. Die Grundschullehrerin, die vor ihrem gewalttätigen Mann in die erhofft heile Welt der Schule flieht - und Erstklässler misshandelt. Scheidungen, Todesfälle, Krankheiten und andere Lebenskrisen lassen unterdrückte Konflikte, Demütigungen und Schamgefühle hochsprudeln und häufig entlädt sich dieser Stau in Gewalt, Psychoterror, Sarkasmus oder sogar Missbrauch.
Stephan Marks beschreibt die Grundlagen, die schon in früher Kindheit gelegt werden wenn zum Beispiel keine liebevolle, stabile Eltern-Kind-Bindung aufgebaut werden konnte. Glücklicherweise führt nicht jeder Elternfehler zu lebenslangen Schäden, wenn Liebe und Grundvertrauen vorhanden sind. Fehlen jedoch die wichtigen Wurzeln, können Demütigungen auch im weiteren Leben schlechter abgeschüttelt oder verarbeitet werden und so entwickelt sich schlimmstenfalls ein pathologisches Vermeidungsverhalten.
Dank der verständnisvollen Beobachtungsgabe des Autors werden in diesem Buch viele Blickwinkel eingenommen und fast alle Lebensräume bis aufs i-Tüpfelchen beleuchtet. Beim Lesen schaltet sich das Kopf-Kino ein und man sieht auch eigene oder erzählte Erlebnisse vor sich. Durch die vorangegangenen Erklärungen versteht man nun jedoch die Hintergründe (besser) und es ergeben sich andere Ansätze und Möglichkeiten.
Warum ist es aber oft so schwierig, die Würde aller Mitmenschen zu achten? Die Antwort findet sich schon in der Bibel: Liebe deinen nächsten wie dich selbst. Ein Satz, der so einfach und doch so anspruchsvoll daher kommt. Klar, jeder kennt diesen Satz und versucht auch mehr oder weniger, sich daran zu halten, zumindest solange es uns nicht allzu viel (Mut, Geld, Zeit) abverlangt. Aber damit sind wir schon im zweiten Teil des Satzes, und genau hier liegt die Lösung: Stephan Marks belegt, warum es vielen Menschen so schwer fällt, sich zu mögen oder gar zu lieben.
Der Mensch wird häufig auf seine Defizite reduziert und damit zielgerichtet beschämt. Man hat kein Problem, man wird zum Problem und das gilt es zu beheben oder zu entsorgen. Die Schule legt hierzu wichtige Grundlagen, denn leider wird immer noch unter Dauereinsatz leuchtend roter Tinte (detailverliebt) nach Fehlern gesucht, statt vermehrt Stärken zu erkennen und zu fördern. Im Fernsehen werden Menschen zurechtoperiert, um einem fragwürdigen Schönheitsideal zu genügen. Straffgezogen, aufgespritzt, gepolstert - bis alle die gleichen Schlauchbootlippen und mimikfreien Gesichter haben? Im Berufsleben werden ältere oder kranke Mitarbeiter per Outsourcing" in die Arbeitslosigkeit geschickt und ausgemustert. Anstand und Würde passen vielerorts nicht mehr in unsere Zeit. Genau diese Denkweise verursacht massive Probleme und manchmal sogar Katastrophen.
Herr Marks beschreibt aber auch Positivbeispiele, die Mut machen und klar zeigen: Es geht auch anders! Und so steht am Ende die Forderung nach einer Kultur der Menschenwürde. Nicht des Hinschauens - das reicht bekanntermaßen nicht aus und wird auch allzu gern hochselektiv betrieben.
Eine Kultur der Menschenwürde... dieses Buch ist ein wertvoller Beitrag auf dem Weg dorthin.