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Politiklexikon als Zeitzeichen?
Unter allen Büchern, die niemand durchliest, verteidigen Nachschlagewerke einen unangefochtenen Spitzenplatz. Wird doch hier jede fortlaufende Lesespannung durch die alphabetische Aufeinanderfolge der Abschnitte geradezu verhindert. Nicht umsonst hat Goethe die Lexika einmal als die «Krambuden der Literatur» bezeichnet, wo jeder «sein Bedürfnis pfennigweise nach dem Alphabet abholen» könne. Indessen gibt es auch Gründe, eine «Register-Krambude» einmal systematisch wie ein fiktionales Erzählwerk Seite für Seite durchzugehen und seine Neuauflagen wie einen Fortsetzungsroman zu lesen.
Das überraschende Ende der kommunistischen Bewegung als alleinstaatstragende Kraft in Osteuropa (198992) markiert einen herausragenden Wendepunkt auch für die Neubearbeitung eines einbändigen «Wörterbuchs zur Politik». Der Stuttgarter Kröner-Verlag hat sich nun mit seinem mehrfach ergänzten Standardwerk von 1977 dieser schwierigen Aufgabe gestellt und sein vergriffenes «Sachwörterbuch» von dem Heidelberger Politologen Manfred G. Schmidt der gewandelten Nachfrage anpassen lassen. Die Auswahl des in diesem Jahr mit dem Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft ausgezeichneten Politikprofessors war keineswegs nur von dessen eigenem Gutdünken bestimmt. Für seine neue Redaktion griff er gezielt auf Häufigkeitserhebungen in der aktuellen Fachliteratur zurück, um zu einem realistischeren Katalog der derzeit verbreiteten Begrifflichkeit zu kommen. So wurden in seiner Neuauflage des «Wörterbuchs zur Politik» die wichtigsten Fachausdrücke deutscher Lehrpläne für die Schulfächer «Politik», «Gemeinschafts- und Sozialkunde» ebenso berücksichtigt wie zahlreiche Prüfungsordnungen zum Studienfach «Politikwissenschaft».
Verschwundenes «Sowjetsystem»
Ein Vergleich der alten mit der neuen Ausgabe legt denn auch den Blick dafür frei, welches Fachwortmaterial der Vergessenheit bzw. einer Bemühung künftiger historischer Nachschlagewerke überantwortet wurde und welche Stichwörter in Goethes «Krambude» erstmals feilgeboten werden. Das Ende der kommunistischen Einparteienherrschaft hat naheliegenderweise eine ganze Reihe ideologisch motivierter Termini für eine entsprechende Präsentation obsolet erscheinen lassen. Weggefallen sind deshalb «Agitation», «Demokratischer Sozialismus», «Drei-Staaten-Theorie» (in bezug auf das geteilte Deutschland), «friedliche Koexistenz», «Linientreue», «Oberster Sowjet», «Politoffizier», «Sowjet(-republik, -system)» und auch der Terminus «Spionage», der nun durch sein Pendant «Nachrichtendienst» vertreten ist. Zu diesen scheinbar entbehrlichen «Altlasten» gesellen sich jene Topoi, deren sich vor allem die westliche Sowjetologie jahrzehntelang bedient hatte, um den sozialistischen Interna näherzukommen. Zu diesem gestrichenen Wortfeld zählen auch: «Finnlandisierung», «Kreml» und «Gleichschaltung».
Weg von der Staatsaktion
Eine interessantere und weniger offensichtliche Begriffsverschiebung wird offenbar, wenn Altes und Neues auf bestimmte Kategorien wie «Regierung oder Nichtregierung/Opposition», «Politik oder Wirtschaft» sowie «national oder international» verteilt wird. Tendenziell wandert die Semantik hier mehr und mehr ab von dem Bemühen zur «Festigung politischer Zentrumsmacht» hin zu untergeordneten, nichtoffiziellen oder regionalen Subjekten und Akteuren: «Evangelische Kirche in Deutschland», «Parteien-/ Politikverdrossenheit», «Politikberatung» und «Kreisfreie Städte». In die gleiche Richtung weisen jene substantivierten Abstrakta, denen das lateinische Präfix «De(s)-» vorangestellt ist: «Deregulierung», «Desintegration», «Devolution», und «Dezentralisation».
Grundsätzlich ist im «Wörterbuch zur Politik» ein Hang zur Internationalisierung nicht zu übersehen. Dies zeigt sich schon daran, dass Komposita mit der Erstsilbe «Volk(s)-» an Umfang eingebüsst, wohingegen Verbindungen mit «Welt-» eine breitere Würdigung gefunden haben. Überdies sticht die Vielzahl gängiger Neulinge ins Auge, die auf eine zunehmende Ökonomisierung und Ökologisierung des politischen Diskurses hindeuten: «Altlasten», «Dienstleistungsgesellschaft», «McDonaldisierung», «Preisindex», «Reagonomics», «Technikfolgenabschätzung», «Umweltpolitik» und «Wahlkampfkostenerstattung». Leicht könnte man hier zu der Annahme kommen, dass das Begriffsinventar einem Trend folgt, der letztlich einer Entpolitisierung des Politischen den Weg ebnet.
Sieht man einmal von diesen Spitzfindigkeiten um den formalen Katalog ab, kann man Manfred G. Schmidt für diese sorgsame Ausgabe alt-neuer Polit-Lexikographie nur dankbar sein. Dies auch deshalb, weil der Autor sich Max Webers Diktum, Politik sei hauptsächlich ein «Streben nach Machtanteil oder nach Beeinflussung der Machtverteilung» unter «Werbung von Bundesgenossen und freier Gefolgschaft», zum Leitfaden für sein Nachschlagewerk gemacht hat. Nach ihrer gelungenen PR-Aktion wider die Versenkung einer Erdölplattform in der Nordsee hätte womöglich sogar die internationale Umweltschutzorganisation Greenpeace Aussichten gehabt, sich erstmals in einem einbändigen Politikwörterbuch verewigt wiederzufinden wäre der Kröner-Band nur um Monate später erschienen.
Markus Wolf -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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