Der Leipziger Reprint-Verlag überrascht immer wieder durch den Nachdruck längst vergriffener Kuriosa, die zu schmökern sich allemal lohnt. Freilich repräsentieren diese ansprechenden fotomechanischen Nachdrucke von über 100 Jahre alter Fachliteratur nicht unbedingt den aktuellen Stand der Forschung, aber es ist ja nicht uninteressant zu wissen, was "man" damals wusste und dachte. So auch hier: Wer sich mit der "Gaunersprache" (bzw. dem Jenischen, der Kundensprache, dem Rotwelschen, Lachoudischen oder der Cochemer Loschen... -- es gibt bis heute Gemeinden im Fränkischen, Hessischen oder der Schweiz, wo es teilweise gesprochen wird) eingehender beschäftigen will, sollte dieses Wörterbuch nur unter wissenschaftshistorischen Gesichtspunkten verwenden.
Man merkt es schon an den synonym verwendeten Begriffen (Jenisch, Gaunersprache usw.): Das Gewerbe war den braven Bürgern suspekt. Aber nicht nur das Gewerbe, sondern vor allem auch die unverständliche Sprache und ihre Sprecher. Die nützten diese Fremdheit wiederum auf ihre Weise aus: Die ersten systematischen Beschreibungen und Wörterlisten stammen nämlich von Polizeibeamten, die ein nachvollziehbares unwissenschaftliches Interesse an der Sache hatten. So mancher biedere Wachtmeister, dem nun ein scheinbar kooperationsbereiter Ganove seine Sprachkenntnisse "offenbarte", wurde noch einmal geleimt. Und wenn er dann seine "Aufzeichnungen" einem Sprachforscher überließ, nahm das Unglück seinen Lauf ins Wörterbuch...
Dabei war längst nicht alles "Rotwelsch" was Rotwelsch klang; was z.B. im Odenwald harmloser Dialekt war, wurde schon in Heidelberg nicht mehr verstanden und konnte als "Gaunersprache" klassifiziert werden. Außerdem sickerten aus historischen Gründen viele ehrbare jiddische Ausdrücke in die "Gaunersprache" ein. Der Verwirrung ist noch immer kein Ende: Nicht selten wurden im Rotwelschen die üblichen Wortbedeutungen verändert...
Das Ergebnis dieser wunderbaren Sprachvermengung: Viele angebliche Rotwelsch-Ausdrücke sind ganz normale, unbescholtene Vokabeln und stammen aus verschiedenen deutschen Dialekten, Soziolekten und aus dem Jiddischen -- bei letzterem wurden vor allem der Wortschatz-Teil hebräischen Ursprungs verdächtigt.
Was nun dieses Wörterbuch angeht: Auch viele Gewährsleute des Herausgebers waren wohl von ihren "Informanten" gelinkt worden, denn auf einen Großteil des enthaltenen "Gaunersprachen"-Vokabulars trifft das soeben Gesagte zu.
Dennoch ist das "Gaunersprachen"-Wörterbuch nicht nur von bibliophilem Reiz: Man findet so manch einen geheimnisumwitterten Ausdruck, den die durchaus ehrbare eigene Verwandtschaft geläufig im Munde führt, und man selber auch: baldowern, knappen, Revech (Reibach), linsen... Die Entdeckerfreuden regen sich wieder mal, man bestaunt die Geheimnisse der eigenen Sprache, und einige Wörter sind so treffend, dass man sie sich unbedingt merken will zur alsbaldigen Verwendung.
Amüsant ist auch der angeblich gaunersprachliche Text samt hochdeutscher Übersetzung im Anhang -- auch wenn er womöglich erfunden ist, so ist er doch gut erfunden.
Fazit: Interessant und in gewissem Grade auch lehrreich ist dieses Wörterbuch zweifellos. Allerdings solte man seinen Inhalt mit Vorsicht genießen und zumindest ein Jiddisch-Wörterbuch (etwa das vom Duden-Verlag) als Korrektiv zur Hand haben.
Wer sich allerdings ernsthaft mit der "Gaunersprache" (Jenisch, Kundensprache, Rotwelsch, Cochemer Loschen, Lachoudisch...) befassen will, greife besser gleich zu Siegmund A. Wolfs Standardwerk "Wörterbuch des Rotwelschen". Und auch "Das deutsche Gaunertum" von Avé-Lallement gilt trotz seines ehrfurchtgebietenden Alters noch heute als gewissenhaft recherchiert, zuverlässig und umfassend.