Nun ist es auch Wolf Schneider passiert: 'Wörter waschen' ist ein Buch, bei dem (fast) nichts passt.
Der Untertitel klingt gut, soll Käufer anlocken, stimmt aber nicht: Selbstverwirklichung ist kein politischer Begriff, Mut und Schadenfreude sind es auch nicht.
In der Neuen Zürcher Zeitung sind diese 26 Kolumnen von Wolf Schneider erschienen. Aber nicht etwa im vergangenen Jahr, sondern 2003 und 2004! Der Verlag hat sie nun zu einem kleinen Büchlein zusammengefasst, von dem er behauptet, es sei ein brisanter Band geworden.
Anders als in seinen empfehlenswerten Sprach- und Stilbüchern schreibt Schneider hier nicht auf Augenhöhe, sondern doziert, gibt sich als Gelehrter zu erkennen und betreibt kräftig Name-Dropping. In seiner Abhandlung über das Wort Lüge z.B. kommen 9 Namen vor und 11 Zitate und Aussprüche historischer Persönlichkeiten. Das alles auf 3 Seiten, denn länger sind die Kolumnen nicht.
Wo ist der kritische Journalist Schneider geblieben? In mehreren Kolumnen gibt es sich als Verfechter der offiziellen Meinung zum 11.9. zu erkennen: ja, Araber haben die Türme einstürzen lassen. Kein Zweifel. - Schneider war jahrelang Washington-Korrespondent. Er könnte es besser wissen.
Ältere Leser haben mit diesen Kolumnen vielleicht ihre Freude, weil sie eine Zitate- und Namenssammlung sind. Als jüngerer Leser kann man auch das Wissen von Schneider bewundern, oder die Virtuosität, mit der er seine Sätze bildet. Aber in Erinnerung bleibt am Ende der Kolumnen (und des Buches) nichts außer der Lieblosigkeit, mit der man das Buch veröffentlicht hat: da steht, dass Schneider 1952 geboren wurde (obwohl 1925 richtig ist), da steht als Wohnort Starnberg (obwohl Schneider seit Jahren auf Mallorca lebt) und da wird auf den letzten Seiten nicht für die anderen - lesenswerten - Bücher von Wolf Schneider geworben, sondern für Reiseliteratur anderer Autoren.
In einem Zeitungsmagazin haben diese Kolumnen ihre Berechtigung. Man kann sie lesen oder überlesen. Aber wenn man dem Verlag auf dem Leim geht, verärgert das, weil Titel und Aufmachung ein anderes Buch versprechen als man bekommt.
Wer seine Freude gehabt hat am Vorgängerband vor ein paar Jahren 'Den Briefträger biss der Hund', der wird wohl auch dieses Mal durchhalten.