War es nicht Immanuel Kant, der Faulheit und Feigheit ausmachte als Mächte gegen die Aufklärung? War nicht Aufklärung der besondere Impetus dafür, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen und sollte er nicht eingesetzt werden, um aus der Falle der selbst verschuldeten Unmündigkeit zu entkommen? Sind nicht sogar Lesen und Schreiben jene Tugenden, die jedem Menschen gereichen, sich höhere Bildung anzueignen? Für Sartre gelten diese sicher rhetorischen Fragen als notwendig und stehen als Grundfeste für die zwei Teile in dieser Schrift.
Denn genau diese beiden Bildungstugenden sind es, die Jean-Paul Sartre (1905-1980) sich in seiner Autobiographie widmet. Diese zwei Teile seiner Schrift sind betitelt mit "Lesen" und "Schreiben". Wie deutlich wird es im ersten Teil, dass der von einer Vaterfigur losgelöste junge Mensch sich entwickelt in der Liebe der Mutter und der Zuneigung des Großvaters, der wiederum seine Bibliothek dem heranwachsenden Poulou (wie Jean-Paul zärtlich genannt wurde) als "Tempel" bereitstellte, so dass Lesen und Literatur zur "Religion" des jungen Sartre werden konnte. Am Anfang waren die Wörter, könnte man sagen.
Ihm liegt es am Herzen, aus der Sicht eines erfolgreichen Erwachsenen im Jahre 1963 diesen Rückblick zu schreiben, der voller Anteilnahme sich selbst gegenüber auf der einen Seite ist, aber gleichzeitig die Gefahr einer Selbstüberhöhung auf der anderen Seite nicht überwinden kann. "Ich habe mein Leben begonnen, wie ich es zweifellos beenden werde: inmitten von Büchern", schreibt er bemüht, all die großen und kleinen Werke für die Erinnerung aufzufrischen und stellt auch fest, lieber Krimis zu lesen als Wittgenstein. Seine Unterhaltung mit den Erwachsenen erinnert er als vorgetäuschte "Grazie, die auf der Stelle verwelkte; überall schleppte ich [...] meine müßige Wichtigtuerei mit mir herum". "Ich war ein Waisenkind ohne Vater. Da ich niemandes Sohn war, wurde ich meine eigene Ursache, ein äußerste Fall von Stolz und Elend" schreibt er und stellt eben fest, dass seine Existenz, vom "Trauermarsch von Chopin" begleitet, im Hineingeworfenwerden ins Leben, im auf sich selbst zurückgeworfenen Menschen entstand, um aus dem Lesen die zweite Phase des Schreibens zu beginnen. So wie das Lesen großer Literatur eine Art von Lebensrettung darstellt für den kleinen Sartre, vermag der große nun selbst Lebensretter zu werden, zumindest dort, wo er von engagierter Literatur spricht, die in der Aneignung von Welt beginnt und in der Benennung zugleich Schöpfung ist. Diese findet man erklärt in seinem Essay über Literatur (Was ist Literatur?).
In seiner Philosophie des Existentialismus wird die Unterscheidung von Existenz und Essenz bedeutend wie die berühmte und berüchtigte Verurteilung zur Freiheit, die im "Das Sein und das Nichts" eine große Aufbereitung fand. Ihm liegt es am Herzen, gelebte, weil vorgestellte Philosophie zu vermitteln und die großen Dramen wie "Geschlossene Gesellschaft" oder "Das Spiel ist aus" sind von dieser Dringlichkeit, die dem Menschen das Leben, die Existenz und die Chancen in der möglichen Freiheit näher bringen. Für Sartre ist das Leben, die Existenz immer ein Prozess von Erkenntnisgewinn, im Schreiben erwächst seine Existenz, er formt sich selbst aus sich selbst. Vielleicht ist heute mehr denn je diese Auseinandersetzung zusätzlich zur Welt des reinen Selbstbezugs notwendig, um sein Potential für die zukünftigen Anforderungen des Lebens nicht versteckt zu halten und sein Glück zu machen über Verbundenheit und Nähe, aber auch über Autonomie und Freiheit.
Diese Autobiographie ist eine, die Sartres Denken deutlich macht; er vermittelt die Wichtigkeiten der Beziehungen und kommt von einer rein familiär psychologischen Sicht auf eine übertragene hin zum Menschsein an sich. Für diesen sicher sehr anthropologischen Wechsel, für die Klarheit der (Selbst-)Reflexion und für die literarische Neugestaltung des autobiographischen Essays verdiente er sich den Nobelpreis, den er jedoch ablehnte. Diese lesenswerte Schrift erschien 1964 erstmalig, die Besprechung ist aus der 39. Auflage und soll eine Empfehlung sein.
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