Um eventuelle Missverständnisse gleich aus dem Weg zu räumen: Ich mag dieses Kochbuch. Aber ich habe zunehmend Mühe mit Food Styling und Food Design. Die Wurzeln dieser Abwehr liegen wahrscheinlich tiefer, als Fast Food-Ketten reichen. Denn als mein erster Arbeitgeber in der Werbung einen großen Lebensmittelkonzern als Kunde hatte, wurde ich Zeuge, wie Lebensmittel für eine gelungene Fotografie hergerichtet und nach dem Shooting in einem großen Eimer landete, den man heute wohl nur beim Sondermüll entsorgen könnte.
Warum mich das Food Design in diesem Buch kaum störte, liegt an seinem Konzept und den Arbeiten von Claudia Seifert und Sabine Hans. Denn ins beste Licht gerückt wird außer dem Essen auch der Winter. Und das ist notwendig, um sich auch dann auf die dunkle Jahreszeit zu freuen, wenn man nicht über dem Nebel wohnt und dem Wintersport langsam Adieu sagt. Aber wenn Eiszapfen so schön fotografiert werden wie in diesem Buch, zeigt sich die Kälte von ihrer faszinierenden Seite. Und die Aufnahmen frischer Skispuren in einer tief verschneiten Landschaft können vielleicht sogar einige Leser dazu animieren, ihre veralteten Bretter wieder aus dem Keller zu holen.
Da in den Geschirrschränken von Anna Normalkocher und Otto 08/15-Gourmet kaum diese Auswahl von Gedecken steht, wie sie Claudia Seifert und Sabine Hans zur Verfügung stand, werden einige Gerichte wohl etwas von ihrem Zauber verlieren. Aber die meisten Kochbuchliebhaber sie ja auch keine dumpfen Kopisten, sondern kreative Köpfe, die nach Anregungen suchen. Vor allem wenn Titel, Cover und die ersten Seiten keine Guillaume-Wettbewerbe signalisieren. Da keine Rezepte mit exotischen Zutaten, fremdländischen Herdentieren oder Tiefseefischen präsentiert werden, sind viele Gerichte preisgünstig. Die Leser und Betrachter sollen in erster Linie dazu ermuntert werden, die Bandbreite an winterlichen Köstlichkeiten zu entdecken.
Obwohl Suppen und Eintöpfe zu den Klassikern der Winterzeit gehören, müssen sie den Vorspeisen und Salaten den Vorzug lassen. Danach folgen Rezepte mit Wintergemüse und Herzhaft Gebratenem. Originell und voller Überraschungen ist das Kapitel "Winterpicknick". Was spricht denn gegen Thymian-Tannen, Sandwiches mit Kürbis, Rotkohl und Sprossen, Wirsing-Quiche mit getrockneten Tomaten, Ricotta und Walnüssen, Rote-Bete-Bergkäse-Pies oder Nussbrot mit Apfelchutney? Wohl eher für die Après Ski-Stunden ist das Kapitel "Drinks" gedacht, von dem ich mich bestimmt inspirieren lasse. Und beim Kapitel "Süßes" wird man sich automatisch fragen, ob die Verabreichung der Betthupferl nicht vorgezogen werden soll. Die einzelnen Rezepte sind klar und einfach beschrieben. Und wo bei der Zubereitung der Fehlerteufel auftauchen könnte, wird er benannt und gebannt. Nützlich ist zudem ein Saisonkalender für Gemüse und Salate. Das Register könnte zwar ausführlicher sein, ist jedoch in einem Kochbuch zum Anregen und Stöbern kein Minuspunkt.
Mein Fazit: Rezeptbücher für die Winterzeit gibt es zwar viele. Aber das von Claudia Seifert und Sabine Hans gehört bestimmt zu den schönsten und anregendsten. Zudem kann es ein Stimmungsaufheller sein, wenn man das Gefühl hat, so lange habe der Winter noch nie gedauert.