Mit dem Buch "Wäre es schön? Es wäre schon! Mein Vater Rudolf Herrnstadt" rehabilitiert die Tochter ihren von der SED verleumdeten und dem Vergessen anheim gegebenen Vater. Auf S. 394 steht meiner Meinung das Entscheidende; dort schreibt Irina Liebmann: "In einem 'Grundriß der Geschichte der Arbeiterbewegung' kann er nun lesen, dass die Vorwürfe gegen ihn und Zaisser nicht zurückgenommen sind, sondern erweitert. Auch die Verbindung zu Berija ist festgeschrieben. Der 'Grundriß' ist Pflichtlektüre für alle Parteigruppen, Schulen und Universitäten. Eine neue Generation lernt Herrnstadts und Zaissers Namen als die Namen von Verrätern am Sozialismus." Natürlich hat Rudolf Herrnstadt dagegen protestiert. Doch auch ein Brief an Semjonow in Moskau, in dem er ihn auffordert, vor seine Partei zu treten und die Wahrheit über sein Verhalten in den Monaten Juni und Juli 1953 in Berlin zu sagen, bewirkt nichts.
Angesichts der bewußten Fälschung der Geschichte, die die SED vorgenommen hat und die mit diesem Buch und dem bei rororo erschienenen Buch "Das Herrnstadt-Dokument" richtig gestellt wird, halte ich es für sekundär, ob einen die Art der Darstellung mit den vielen Fragen stört oder nicht. Die Fragen, die Irina Liebmann sich bzw. ihrem Vater posthum stellt, geben dem Buch die persönliche Note: Eine Tochter versucht zu verstehen, warum ihr Vater diesen Weg gegangen ist. Und sie ist fassungslos über seine Treue zur Idee des Kommunismus, angesichts seiner persönlichen Erlebnisse, angesichts dessen, was er weiß und beobachtet hat.
Irina Liebmanns Motiv, dieses außerordentlich rechercheintensive Sachbuch über ihren Vater zu schreiben, findet man im Prolog: "Ich nannte ihn ja seit vielen Jahren im Stillen nicht anders als einen Deppen und einen Idioten." Dass ihr Vater tatsächlich aber einer der glänzendsten Journalisten war, die Deutschland je hatte, merkt sie erst langsam. Sie sitzt in den Archiven, liest seine Artikel und staunt: "So gut war er!"
Weil dieses Buch, ebenso wie das bei rororo erschienene "Herrnstadt-Dokument", herausgegeben von Nadja-Stulz-Herrnstadt, die Ereignisse um den 17. Juni 1953 herum von jemandem, der sie im innersten Führungskreis der DDR miterlebt und teilweise mitgestaltet hat bzw. zu gestalten versuchte, ist dieses Buch so wertvoll. Wer sich mit der Geschichte der DDR befaßt, wird an ihm nicht vorbeikommen, sofern er Wert auf die Wahrheit legt.
Das Buch bietet aber noch mehr: Rudolf Herrnstadt ist 1903 geboren und 1966 gestorben. Über die gesamte Zeitspanne erfährt man etwas, vor allem über Regionen wie z.B. Oberschlesien, Polen, die Tschechoslowakei, Rußland, die DDR, über viele Orte und Ereignisse, die den meisten, vor allem den Westdeutschen, nicht sehr vertraut sein dürften. Auch das macht die Lektüre bereichernd und wertvoll.