"Nochnoi Dozor" kam im Juli 2004 in die russischen Kinos, brach sofort alle zuvor dagewesenen Rekorde, und ließ "Harry Potter", "Die Rückkehr des Königs" und viele andere Hollywood-Blockbuster weit hinter sich. Schließlich handelte es sich um Russlands quasi-ersten Blockbuster mit richtigen Special Effects. Die allgegenwärtige Werbung, für die der Fernsehsender Channel One verantwortlich war, tat ihr übriges. "Nochnoi Dozor" war ein Ereignis. Beeindruckt von den Einspielergebnissen hatte 20th Century Fox über ihre Indie-Sparte "Fox Searchlight" sich bereits im August die Rechte für den weltweiten Vertrieb sowie für zwei Fortsetzungen gesichert. Als Ergebnis kam mit einjähriger Verspätung die internationale Version des Films in die Kinos, mit dem internationalen Titel "Night Watch". Diese Version wurde vom Regisseur zusätzlich bearbeitet, um es dem westlichen Publikum leichter zu machen, den Film zu verstehen.
Was soll man nun halten vom Film "Wächter der Nacht"? Abgesehen vom Hype in Russland und dem eher moderaten Ergebnis außerhalb, wenn man den Film für sich alleine betrachtet, kommt er nicht sonderlich gut weg. Der Regisseur versteht sein Handwerk gut, und setzt als routinierter Werbefilmer sehr gekonnt Moskau in Szene. Viele der Tricks sind in der Tat aus der Werbung bekannt, und so erinnert Bekmambetovs Stil bisweilen an Michael Bay. Videoclipartige Slow-Motion und Zeitraffer, gepaart mit Heavy-Metal-Musik und CGI-Special-Effects ' das alles sind hier Zutaten. Doch Zutaten für sich machen noch kein ganzes Gericht ' und bei "Wächter der Nacht" mangelt es schlicht einfach an der richtigen Balance. Actionlastige Kabumm-Szenen wechseln sich mit langsamen Dialogszenen ab, die den Film teilweise zum Halt bringen. Die vielzitierte Niete, die sich vom Flugzeug löst und fünf Minuten lang durch die Luft wirbelt, mag ein schöner CGI-Effekt sein ' aber irgendwie zu ausgedehnt. Charaktere werden eingeführt, und dann "vergessen". Im großen Ganzen hinterlässt der Film am Ende einen rohen, etwas unfertigen Eindruck. Andererseits hebt sich der Eindruck mit dem zweiten Teil teilweise auf, denn dort werden Charakterbögen, die in Teil eins unfertig hängen bleiben, allesamt aufgelesen und abgeschlossen. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass der Film für Nicht-Buchkenner etwas verwirrend erscheinen mag. Die ineinander verwobenen Storylines: Antons Vergangenheit, Yegor, die Vampirin, Svetlana und der Wirbel ' machen es teilweise schwer, dem Geschehen zu folgen, und verlangen viel Aufmerksamkeit ab. Wenn man das Buch kennt, wird man etwas schlauer ' ärgert sich aber gegebenenfalls über die Abweichungen von eben jenem Buch ' so kommt es zu einem Teufelskreis.
Aber es ist nicht alles so schlecht, wie es sich anhört. Auch wenn der Film eine auf den ersten Blick unüberschaubare Anzahl an Charakteren hat, hat der Regisseur beim Casting hervorragendes Händchen bewiesen. Die Darsteller sind allesamt Spitze. Charaktere, die eine kurze Screentime von wenigen Szenen bekommen (wie z.B. der Vampir, Kostyas Vater, gespielt von Schauspielerlegende Valeri Zolotukhin), schaffen es, ein Bild im Kopf zu hinterlassen, das haften bleibt. Von solchen prägnanten Bildern gibt es so einige. Geser (Oscar-Preisträger Vladimir Menshov) am Schreibtisch, der wirkt wie ein Parteikader aus vergangenen Zeiten; Olga (Galina Tyunina), die einerseits eine weise Zauberin in Eulengestalt abgibt, andererseits mit einem modernen Seifenspender ihre Mühe hat. Und natürlich Anton Gorodetsky (Konstantin Khabensky), der schwer zugängliche Hauptcharakter, der oft unsympatisch wirkt, aber dennoch etwas Verletzliches hat, was ihn gleich sympathischer macht.
Bekmambetov schafft andererseits, durch Verstärkung der Kontraste, ein glaubhaftes Universum der Wächter zu schaffen. Lukianenkos Vision von den Dozoren ist klassisch magisch ' die Anderen wirken wie normale Menschen, nur im Zwielicht offenbaren sie ihr anderes Wesen. Die Lösung des Regisseurs war, starke Bilder zu schaffen, die die Dozore voneinander unterscheiden. So werden in Moskau normale gelb-rote Reparatur-Lastwagen seit 2004 fest mit Gorsvet und der Nachtwache verbunden. Dafür geben sich die Dunklen Anderen wie Banditen oder Promis, die im realen Russland der 90er ohnehin eng verzahnt waren.
Die FOX-Version, die für den internationalen Markt erstellt wurde (und die auch der deutschen Kinofassung entspricht), hatte bisher folgende Probleme: einerseits wurde sie im Schnitt und Dialogen erheblich vereinfacht, um das Verständnis der Zuschauer, die mit Lukianenkos Bestseller noch nicht vertraut sind, zu fördern. Unter anderem sind dort zwei Handlungsstränge rausgeflogen, sowie viele kleinere Umschnitte und Neusynchronisationen vorgenommen worden. Andererseits fehlt ein meiner Meinung nach geniales Feature der russischen Version - der finale Rap "Nochnoi Dozor" aus dem Abspann. Dieser postmoderne witzige Rap von Sergei Lukyanenko persönlich fasst die Handlung des Films in 2 Minuten zusammen und entlässt den Zuschauer in einer positiven Stimmung - was man von der FOX-Version nicht so behaupten kann.
Diese DVD-Edition ist insofern einzigartig, dass sie als einzige weltweit jenseits der ehemaligen GUS-Staaten nun auch die originale russische Schnittfassung enthält. Allerdings ohne eine Synchro, sondern nur mit deutschen Untertiteln. Insofern macht FOX hier wieder wett, was bei der Bearbeitung und "Verdummung" der deutschen Version passiert ist. Obendrein hat der russische Cut (hier vollmundig als "Director's Cut" beworben) auch noch DTS-Ton mit an bord. Und zum Anstimmen auf den Sequel, der just zur gleichen Zeit in die Kinos kommt, gibt es als Bonus u.a. die ersten elf Minuten von "Wächter des Tages" auf DVD. Ferner bekommt man noch ein 40-minütiges Making Of und zwei Kommentare - vom Regisseur Timur Bekmambetov und vom Autor der Buchvorlage, Sergej Lukianenko.
Diese Rezension wurde in Teilen bereits auf der deutschen "Wächter"-Seite "ImZwielicht.de" veröffentlicht.