Da sind sie wieder: die 5 Jungs aus Seattle haben im Rahmen ihrer PJ20-Reihe nach der 'Ten' die nächsten beiden Alben in veredelter Form auf den Markt geworfen.
Diese Deluxe Edition enthält das zweite und dritte Album der Band, "vs." und "Vitalogy", in einer remasterten Version, sowie ein Konzertmitschnitt aus dem April 1994. Graben wir uns von außen nach innen durch diese Box.
Wie bereits an anderer Stelle geschrieben, sind die Platten nicht in Plastik verpackt, sondern jeweils in einer schicken Papp-Hülle, wie man es von späteren PJ-Studioalben kennt. Die original CD-Booklets finden sich in Form von gedruckten, nunja, Booklets eben, in den Hüllen.
Dieser Neuverpackung wertet die "vs." definitiv auf, erschien die Originalversion nur in einem schnöden Plastik-CD-Jewelcase. Im Hinblick auf die "Vitalogy" ist dies leider ein Rückschritt: damals war das Booklet in der Papp-Hülle direkt integriert, so dass man die ganze Platte von vorne bis hinten wie ein Buch durchlesen konnte. Jetzt haben wir auch hier die klare Trennung zwischen CD-Hülle und separatem Booklet - schade.
Die dritte CD wird ebenfalls in einer Papp-Hülle präsentiert, deren Booklet einige nette Fotos des Konzerts enthält. Damit hat es sich dann auch. Leider fehlt es diesem Paket am einzigartigen Fotomaterial und an der üppigen Ansammlung von Erinnerungen, die es in der Deluxe-Version von der 'Ten' noch gab. Dafür müsste der Fan dann sehr viel tiefer in die Tasche greifen und die Super-Deluxe-Variante erstehen.
Soviel zur Verpackung - es wird Zeit für den Inhalt. Wie bereits gesagt wurden beide Platten für die Neuauflage remastert. Das bedeutet in der Realität, dass sich der Sound etwas knackiger und lebendiger anhört, als in der Originalversion. Diese Verbesserungen finden aber meiner Meinung nach im einstelligen Prozentenbereich statt. Nur im Direktvergleich wird man die Sound-Unterschiede hören können. Das ist aber auch okay: während die Originalversion der 'Ten' vom Sound her noch sehr an die 80er erinnerte, ein Remix also durchaus Sinn machte, sind die beiden Nachfolger schon nahezu perfekt abgemischt. Hier einen Remix zu erstellen, nur damit es einen Remix gibt, macht ehrlich keinen Sinn.
Damit sind wir aber glücklicherweise noch nicht am Ende der Neuerungen. Beide Platten haben jeweils drei Bonustracks spendiert bekommen. Für die 'vs.' sind das eine Akustik-Version der B-Seite 'Hold on' (nett) , das Instrumentalstück 'Cready Stomp' (kein must-have) und schlussendlich das allseits geliebte'Crazy Mary', in der vorliegenden Version etwas ruhiger und intimer (hörenswert).
Für die Vitalogy gibt eine Gitarre & Orgel-Version von 'Betterman' (etwas langweilig) , ein Demo von 'Corduroy' mit etwas anderen Lyrics und Vocals in der Bridge (schön), sowie eine Demo von 'Nothingman', die durch eine unglaubliche Intensität besticht (Gänsehaut).
Last, but not least, gibt's bei der Deluxe-Edition noch einen Mitschnitt eines Konzertes vom 12.04.1994 in Boston. Eine Woche, nachdem Kurt Cobain seinem Leben ein Ende gesetzt hat, scheint mir die Grundstimmung des Konzertes gedrückt, aggressiv und ohne echte Perspektive. Ruhige Nummern wie 'Elderly Woman' werden blutleer heruntergespielt, ohne die Art der Euphorie auszulösen, die man von den späteren Pearl Jam Konzerten kennt. Aber es gibt eine interessante Version von 'Immortality', die komplett andere Lyrics hat, als die Album-Version, die erst 7 Monate später erscheinen wird. Vielleicht ist doch etwas dran, an dem Gerücht, dass Eddie Vedder später den Text auf Kurt Cobain umgemünzt hat.
Die lauteren Songs des Abends wie 'Even Flow', 'Sonic Reducer', 'Not for you', oder 'Blood' profitieren allerdings von der Situation, in der sich der Grunge im Allgemeinen und die Band im Besonderen befindet. Selten habe ich die Band finsterer und aggressiver erlebt, als in diesem Mitschnitt.
Kommen wir zum Fazit: wer braucht diese Platte? Der 08/15-Fan, der die Band 'gut' findet, wird keinen echten Kaufreiz empfinden. Dafür sind die Verbesserungen der Remasterings zu marginal, die Bonusstracks zu unbedeutend und der Konzertmitschnitt zu unbedeutend, um die 30 Euro für die Deluxe-Version zu rechtfertigen. Und auch der Hardcore-Fan wird es sich wahrscheinlich doppelt überlegen müssen, ob er sein hart verdientes Geld über den Tresen schiebt.
Für Neulinge allerdings gibt es keinen Grund, diese Box NICHT zu kaufen. Gerade die 'vs.' ist und bleibt eine der stärksten Platten von Pearl Jam und die vorliegende Variante ist ohne Frage die Beste, die es jemals gab. Und auch die Vitalogy ist fast ausnahmslos zu empfehlen. Dass dann noch quasi gratis ein Konzertmitschnitt beiliegt, rundet das 'Pearl-Jam-Einsteigerpaket' perfekt ab.
Ich persönlich bin etwas enttäuscht. Ich hätte mir mehr zum 'Entdecken' gewünscht, ein größeres Booklet, mehr Bonustracks und tolleres Konzert. Aber natürlich ersetzen die beiden remasterten Alben nun meine bisherigen 'Normalo'-Versionen. Was bleibt, ist die Hoffnung, dass die Remakes der 'No Code' und der Nachfolgeralben etwas üppiger ausfallen.