Ich kann die Verreißer beim besten Willen nicht verstehen. Zugegeben: Wer bei "Voyageur" mit dem fünften Enigma-Aufguß gerechnet hat, wird vermutlich zuerst einmal enttäuscht sein und sich die Ohren reiben.
Auch ich musste mich erst umgewöhnen, tat mich mit den vorab ins Netz gestellten Soundsamples sehr schwer.
Aber gestern habe ich mir das Album in Ruhe, im Dunkeln und auf meiner zugegebenermaßen sehr guten HiFi-Anlage in einem Stück von vorne bis hinten angehört und musste einsehen: "Voyageur" ist pure musikalische Magie, die süchtig macht.
Aber es ist definitiv keine Musik für mittelprächtige HiFi-Anlage und kleine Boxen. Michael Cretu ist einer der wenigen, der seine Musik nicht so abmischt, dass sie sich auch noch über ein Küchenradio gut anhört. Das bedeutet, dass die CD auf einer guten Anlage geradezu aufblüht und auf einer schlechten völlig in sich zusammensackt.
Durchaus möglich, dass es aus diesem Grund einige negative Meinungen zu "Voyageur" gibt.
Abgesehen davon ist "Voyageur" natürlich schon musikalisches Neuland für eingefleischte Enigma-fans: Es enthält keinerlei Samples! Keine Choräle, keine orientalischen Stimmenakrobaten, auch nicht die legendäre Enigma-Flöte. Stattdessen 100 % selbstgemachte Sounds. Nichts kopiert und nichts geklaut. Das einzig Vertraute ist Sandras gehauchte Stimme und das mittlerweile obligatorische Enigma-Intro. Ohne diese zwei Zutaten würde man Probleme haben, "Voyageur" überhaupt als ein Cretuwerk zu identifizieren. Gut möglich, dass das vielen Fans Probleme bereitet. Aber Michael Cretu ist ja nun nicht gerade dafür bekannt, sich darum zu scheren, was andere von ihm denken und erwarten. Er zieht sein Ding durch und fertig. Das geht soweit, dass er im Titel "Incognito" Elemente der Zwölftonmusik verwendet.
Ich will nicht jedes der Stücke analysieren und interpretieren - ich möchte aber einige der Eindrücke schildern, die ich hatte, als ich mir entspannt die Platte im abgedunkelten Wohnzimmer anhörte. Sehr schön, sehr beruhigend trotz der harten und kräftigen Bässe. Insgesamt wirken die ersten 4 Tracks wie ein Intro in 4 Teilen und dann kommt Track 5, "Boum Boum", ein Duett zwischen Ruth Ann und Andru Donalds und spontan hatte ich das Gefühl: Jetzt geht die Sonne auf, jetzt geht das Album richtig los. Gänsehaut stellte sich ein.
Dann Track 6 - mit klassischem Touch. Streichersounds, Michael Cretus präsente Stimme. Ein Ruhepunkt in der Mitte des Albums, eine Art Verschnaufpause. Man lehnt sich zurück und erholt kann man ein wenig über die vorherigen Eindrücke reflektieren. Wunderschöne Stimmungsmusik im besten Sinne des Wortes.
Mit Track 7, "Look of Today", geht dann die Post ab. Auch wenn mich der Refrain ein wenig an "The Look of Love" von ABC erinnert, ist das jedoch mein Lieblingsstück des gesamten Albums. Eine rockige Popnummer, wie es sie bisher bei Enigma nicht gab. Das Stück hat echte Hitqualitäten und ich würde ihm ohne weiteres einen Top-Ten-Platz und den Einsatz in Discos und Clubs zutrauen mit seinen Dancefloor-Qualitäten. Einfach ein geniales Stück mit einem genialen Sound. Play it loud!
Es geht dann in einem weiter mit genialen Musikstücken, jedes für sich ein musikalisches Kleinod mit seiner eigenen Stimmung und seinen eigenen Reizen, bis hin zum letzten Stück, der wunderschönen Ballade "Following the Sun". Jeder Song für sich ist gut - zusammen ergeben sie jedoch ein musikalisches Kunstwerk. Und meiner Meinung muss man schon ziemlich verbohrt sein, um sich dem zu entziehen.
Auch wenn "Voyageur" mit vielen alten Enigma-Traditionen bricht, so hat es jedoch eines mit seinen 4 Vorgängern gemeinsam: Es gibt auf der ganzen Welt nichts, was sich vergleichbar anhört.