Dies ist Porcupine Trees Space-Trip. Oder Drogen-Trip. Ursprünglich 1992/93 auf zwei EPs erschienen und von Steven Wilson fast komplett alleine eingespielt, gibt es auf dieser CD den kompletten Rausch, den jemand erlebt, der sich einen Zuckerwürfel Lysergsäurediäthylamid eingeworfen hat. Und dank dieser Platte kann man ihn miterleben, ohne selbst zum Gift greifen zu müssen.
Das ist natürlich Quatsch. Die eingestreuten Texte des Sprechers sind nur der Vorwand für Steven Wilson, um über einigen ausgeborgten
Pink-Floyd-Riffs ausgiebig zu improvisieren. Das fast dreizehnminütige #1 etwa spielt ganz unverhohlen mit den loopigen Gitarren aus der Einleitung von "Run Like Hell" und dem Riff von "Another Brick In The Wall". Darüber legen sich sphärische Klänge, eine wortlos singende Frauenstimme schwebt vorbei, ehe eine eigenständige Gitarrenmelodie über einem loopenden Keyboard aufsteigt und Mr. Wilson mit sich selbst jammt.
Die siebzehn Minuten von #2 beginnen mit geheimnisvoll schwebenden Synthies und schrägem Dialog, ehe kurz vor Beginn der fünften Minute die mit besagten Riffs flirtende Gitarre wieder auftaucht. Gaaaanz langsam steigert sich die Nummer in Keyboard-Akkorde, die sehr stark an Shine On You Crazy Diamond erinnern. Darüber soliert Steven Wilson ausgiebig und so, als wäre David Gilmours Geist in seine Finger gefahren und er würde ihm nun zeigen, wo der Gitarrenhimmel tatsächlich liegt. Die mit Bottleneck gespielten Passagen sind besonders schön. Auch dieses Stück verwandelt sich nach gut der Hälfte in ein selbstversunkenes, rockig unterlegtes Solo, ehe es langsam ausschwingt.
Das längste Stück #3 beginnt genau mit den verhallten Stimmen und Geräuschen, die das vorige beendeten, ehe sich laaangsam ein
Tangerine-Dream-Sequenzer meldet, Perkussion dazukommt und eine ziemlich weit weg abgemischte Gitarre verträumte Klänge in das kuschlige Wolkenbild tropfen läßt. Als einzelne Nummer ist #3 unbrauchbar, wie auch #4. Das kann man sich nur anhören, wenn man vorher schon durch #1 und #2 auf dieses allmählich dahinwabernde Erlebnis vorbereitet worden ist...
Mit #4 wird der Trip abgeschlossen; bedrohlich flirrende Synhesizer-Wände schieben sich vorbei, düstere, verhallte Landschaften. Ein herzschlagartiger Rhythmus pumpt eine Zeitlang, sackt wieder in die Klangwolken ab. Stimmen rekapitulieren das Down nach dem Trip... Daß die Keyboards sehr merkwürdig-außerirdisch klingen, liegt offensichtlich daran, daß hier der spätere Stamm-Tastenmann
Richard Barbieri seine Fähigkeiten als Klangzauberer eingebracht hat.
Das alles hat mit Porcupine Trees späteren Werken (insbesondere den krachenden Rocknummern ab "
In Absentia") gar nichts zu tun - außer daß man manche Figur, die Wilson da in seinen Soli spielt, hier schon hören konnte. Ansonsten ist diese Platte mehr in die Abteilung Ambient und Trance einzuordnen. Unbedingt sollte sich der Hörer dieser Musik eine gute Stunde Zeit nehmen (so lang dauert es bis zum Ende von #4) und damit leben können, daß sich diese Musik Zeit nimmt. Viel Zeit. Eine prima Möglichkeit, sich selbst zu entschleunigen. Ohne Drogen.