Alfredo hat nur noch sechs Monate zu leben und findet einfach nicht die passende Gelegenheit, es seiner Familie zu sagen. Derweil bekommt seine Frau Lucy erotische Nachrichten von einem Unbekannten und gibt sich exhibitionistischen Fantasien hin. Das Paar zweifelt an seiner Liebe, die irgendwo in der Routine des Alltags stecken geblieben ist.
Die pubertierende Tochter Mariana kämpft mit dem Erwachsenwerden, und das auf schockierend entschlossene Art, der kleine Sohn Sergio beobachtet die Welt mit naivem Staunen und sieht die Toten als Gespenster wiederkehren. Dann gibt es noch den Alzheimer-kranken Opapa, der ins Altenheim möchte, weil dort eine verflossene Liebe residiert, und den Kater ohne Namen, der sich in der Wohnung eingesperrt nach einer rolligen Katze sehnt.
Santiago Roncagliolo erzählt bittere Geschichten vom Sterben und der Sehnsucht nach dem Leben, von Liebe, Lust und fehlender Leidenschaft, und doch ist 'Vorsicht' ein äußerst amüsanter Roman. Zum Auftakt spielt der kleine Sergio mit der verstorbenen Oma Robocop, und von nun an jagt eine skurrile oder überraschende Begebenheit die nächste.
Mühelos und glaubwürdig versetzt der Autor sich in die Gedanken seiner sechs Protagonisten, Kinder und Kater eingeschlossen, wechselt mit jedem Kapitel die Perspektive und hält die Spannung von der ersten bis zur letzten Seite. Er schafft es, über die Schwierigkeiten des Lebens zu lachen, indem er sich an den liebenswerten Eigenheiten der Menschen und den kleinen Pannen des Alltags erfreut. Sein Humor reißt mit, doch an manchen Stellen bleibt das Lachen im Halse stecken.
Man hätte aus diesem Stoff einen melancholischen und nachdenklichen Roman machen können, eine schockierende und verbitterte Geschichte - oder diese: witzig, skurril, fantasievoll und äußerst unterhaltsam.