Gekauft habe ich dieses Buch, weil ich die Idee Namen nach Kulturkreisen zu sortieren sinnvoll und gut fand.
Überzeugt habe mich das große Vornamenbuch dennoch überhaupt nicht. Die Anzahl der Vornamen erscheint mir sehr gering, gerade unter dem Gesichtspunkt, dass das Buch über 340 Seiten hat (immerhin 273 entfallen auf den Vornamensteil; der Rest auf Erklärungen, Ratschläge und Statistiken). Der romanische Kulturkreis umfasst die spanischen, italienischen, französischen, portugiesischen und rumänischen Namen. Im Abschnitt der männlichen Vornamen aus dem romanischen Kulturkreis werden jedoch gerade einmal 100 Vornamen genannt. Es fehlen von den gängigen italienischen Namen zum Beispiel: Alfredo, Gaetano, Gennaro, Leonardo, Pietro... Dass die deutschen Formen (Alfred, Leonhard, Peter) im Buch genannt sind, hilft in meinen Augen bei der Namenswahl nicht weiter, wenn man gerade einen Namen aus dem italienischen sucht. Für die anderen Sprachen gilt das Gleiche.
Mein Hauptkritikpunkt an diesem Buch ist aber, dass es in weiten Teilen veraltet ist. Es ist 1983 zum ersten Mal erschienen und das merkt man auch.
Die Autorin hat sich in manchen Kapiteln Mühe gegeben neue Namen und Statistiken einzuarbeiten. So finden sich jetzt auch Namen wie Luca, Tuana und Nevio. Die Statistiken über die beliebtesten Vornamen sind bis einschließlich dem Jahr 2007 ergänzt worden.
Andererseits werden bei den Ratschlägen zur Namensvergabe und den Modetrends Voramen herangezogen, die heute als "retro" gelten und auf eine Person von mindestens 30 Jahren schließen lassen (Kerstin, Brigitte, Uwe, Simone, Klaus und Ingrid).
Die Darstellung der rechtlichen Einschränkungen bei der Namenswahl ist komplett veraltet und deshalb teilweise falsch. Um ein Beispiel zu nennen: Über den Namen Jesus steht in dem Buch, dass er "bei uns nicht zugelassen" sei. Durch Rechtsprechung aus den 90er Jahren kann der Name heute durchaus vergeben werden.
Die Angaben zur Häufigkeit eines Vornamens stimmen sehr oft auch nicht mehr. Wenn dort steht "Tanja: Seit 1960 zunehmend gewählt, heute in Spitzenstellungen" so mag dies für die späten 70er Jahre gelten, heute ist der Name Tanja jedoch nicht unter den Top 20 der beliebtesten Vornamen.
Wie angestaubt das Buch ist, merkt man auch im Namensteil: Die meisten prominenten Namensträger kennt man heute kaum noch. Hierzu noch eine Kritikpunkt: Bei Anastasia steht "...bekannt das tragische Schicksal der jüngsten Tochter des russ. Zaren (1901-1984); evtl. als einzige im Nov. 1918 dem Blutbad von Jekaterinburg entgangen, lebte als Anna Anderson-Manahan". Damit lehnt sich die Autorin für mich deutlich zu weit aus dem Fenster. Die ganze Legende um Anna Anderson und das Überleben der Anastasia muss man seit der Überführung der Leichen nach Moskau und den Gentests ins Reich der Mythen verbannen.
Die Redaktion hat bei der Modernisierung des Buches auch "geschlampt". In der Überschrift des letzten Kapitels zu den Entscheidungshilfen für Eltern heißt es "Maria Theresia oder Laura - das ist heute die Frage", jedoch in den Kopfzeilen des Kapitels heißt es "Maria Theresia oder Sandra - das ist heute die Frage"
Insgesamt rate ich davon ab, dieses Vornamensbuch zu kaufen. Für mich bleiben andere Vornamenbücher die Favoriten, insbesondere "Das große Vornamenlexikon" von Duden.