Dieser Debütroman des Münchner Journalisten Andreas Bernhard, Redakteur des SZ-Magazins und somit bestens mit der Szene bekannt, ist der wahrscheinlich stark autobiographisch geprägte Bericht des Lebens von Tobias Lehnert als Magazin -Journalist im München der 90-er Jahre.
Er erzählt von einem schier aussichtslosen Bruch zwischen den Existenzformen und zwei verschiedenen Welten, die einfach unvereinbar sind.
Tobias Lehnert hat die Universität absolviert und träumt von einer großen Karriere als Journalist. Vorbild sind ihm dabei die ihm bisher nur vom Namen bekannten ausnahmslos jungen Redakteure vom "Vorn", einer wöchentlichen Magazinbeilage einer Münchner Tageszeitung, denen es gelungen ist, innerhalb kürzester Zeit ein vornehmlich junges Publikum nicht zu mit ihren Artikeln zu begeistern, sondern regelrecht dominant zu werden und meinungsführend in allen Fragen von Mode, Musik und Geschmack und Stil.
Als Tobias, der seit Jahren mit Emily liiert ist, einer sozial engagierten, aber doch sehr zurückhaltenden jungen Frau, die er bei seiner Aushilfsarbeit im Flüchtlingsheim kennen und lieben gelernt hat, mit einem Artikel, den er geschrieben hat, die Redaktionsräume des "Vorn" zum ersten Mal betritt, da ist es schon um ihn geschehen. Die ganze Atmosphäre zieht ihn vollständig in den Bann. Als er seinen ersten Text auch kurz danach als freier Mitarbeiter veröffentlichen darf, sich dann innerhalb von wenigen Wochen sogar die Möglichkeit einer festen Tätigkeit in dem hippen und rastlosen, aber voller Fantasien und verrückten Ideen steckenden Team eröffnet, da fühlt sich Tobias sozusagen von heute auf morgen in einer neuen Welt.
Nach einigen Wochen schon hat er sich der Kultur in der Redaktion angepasst und seine Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit sind zur Unkenntlichkeit verschwommen. Ohne Unterbrechung, von morgens, wenn am späten Vormittag alle in den locker eingerichteten Redaktionsräumen einlaufen nach relativ kurzen Nächten, die sie nicht immer zu Hause verbringen, bis oft in die frühen Morgenstunden, spinnt Tobias mit seinen Kollegen, von denen er sich mit einigen regelrecht anfreundet, ohne Unterbrechung an neuen Geschichten, zunächst in der Redaktion, später am Abend und in der Nacht in zahlreichen angesagten Kneipen und Restaurant, vorzugsweise im "Schumanns".
Auch in seinem Äußeren hat Tobias bald sich den Maßstäben der Redaktion angepasst, die bei allen Stil- und Geschmacksfragen die Trendsetter sein wollen, dabei aber nicht merken, wie intolerant und maßlos elitär sie sind. Während sich Tobias begeistert und mehr als freiwillig anpasst, wird er seiner Freundin Emily, mit der er die Wochenenden, dann nur noch die Sonntage verbringt, immer fremder. Als er sich dann auch noch in Sarah, eine neue Praktikantin beim "Vorn" verliebt, scheint seine Beziehung mit Emily am Ende.
Mit viel Detailkenntnissen und subtiler Ironie ist es Andreas Bernhard in diesem Roman hervorragend gelungen, ein wesentliches Problem seiner Generation in den neunziger Jahren zu beschreiben. Nachdem sie sich von den großen politischen Themen der achtziger Jahre ( Frieden und Umwelt) verabschiedet haben, weil sie für sie uninteressant geworden sind, geht es für eine bestimmte stil- und meinungsprägende Schicht, für die der "Vorn" symbolisch steht, hauptsächlich darum, wie sie ihre große Begeisterung für Alltagskultur, die Musik und Kunst und ihre neue, ausschließlich im Hier und Jetzt verortete Lebensart, verbinden können mit dem tatsächlichen, dem echten Leben. Wie kann man richtig erwachsen werden, ohne diese Interessen, die für den älteren Leser eher fremd sind ("Oasis oder Blur" als Frage von Identität) zu verraten ?
Andreas Bernhard gibt in diesem unterhaltsamen und lesenswerten Buch keine Antwort. An seinem nächsten Roman, den er sicher vorlegen wird, wird man, so steht zu hoffen, eine Antwort ablesen können.
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