Retrospektive: Karl-Theodor zu Guttenberg taucht, nach einer 8-monatigen Zwangspause, am 19. November 2011 als "angesehener Staatsmann" und Mitglied des Washingtoner Think Tanks CSIS (Center for Strategic and International Studies) auf einer Sicherheitskonferenz in Halifax wieder auf. Zwei Tage später, am 21. November 2011, wurde bekannt, dass es sehr bald (!) ein Buch mit dem Titel "Vorerst gescheitert" geben wird, in dem Giovanni di Lorenzo, seines Zeichens Chefredakter der Wochenzeitung "Die Zeit", ihn "interviewt". Am 23. November 2011 wird das Verfahren gegen den ehemaligen Wirtschafts- und Verteidigungsminister eingestellt, als "Strafe" muss Karl-Theodor zu Guttenberg 20.000 Euro an die Deutsche Krebshilfe zahlen und bleibt im rechtlichen Sinne straffrei, da die Staatsanwaltschaft in Hof die Ansicht vertritt, er habe keinen wirtschaftlichen Schaden angerichtet. Mit diesem "Freispruch" kam mir spontan Wilhelm Schlötterers Buch "Macht und Missbrauch: Franz Josef Strauß und seine Nachfolger. Aufzeichnungen eines Ministerialbeamten" in den Sinn.
Die Medienmaschinerie läuft nun auf Hochtouren. Am Dienstagabend dieser Woche ist Enoch zu Guttenberg zu Gast bei Maischberger. Die Causa Guttenberg wird ein Tag später bei Anne Will durchleuchtet.
Wer nun jedoch unbedingt wissen will, warum Karl-Theodor zu Guttenberg "vorerst" und nicht endgültig gescheitert ist, ob er seine (Un)Taten bereut und welche Zukunftspläne er hat, kann sich mit diesem Buch auseinandersetzen. Oder alternativ mit dem "Guttenberg-Dossier" von Friederike Beck.
In der Plagiatsaffäre weist er jedwede Schuld von sich, die Schuldigen sind freilich immer die anderen (ähnlich wie in der "Gorch-Fock"- und/oder der Kundus-Affäre). Einsicht? Fehlanzeige! Reue? Fehlanzeige! Sogar von einem Plagiat will er nichts wissen. Seine Argumentation ist teilweise hanebüchen, man weiß nicht, ob darüber gelacht oder doch geweint werden soll. Giovanni di Lorenzo hackt kein einziges Mal richtig nach - investigativer Journalismus sieht anders aus.
Und dann die politischen Ambitionen Guttenbergs, die nichts Gutes erahnen lassen. Die Atlantik-Brücke lässt grüssen!
Mein Fazit: Während des Lesens hatte ich stets den Eindruck, dass das Interview nach festgelegtem Drehbuch geführt wurde. Wenn man keine Details kennt, würde man schlicht behaupten, dass dieses Buch eine peinliche Hofberichterstattung ist. Es steckt aber viel mehr dahinter.