Das vorliegende Buch eignet sich in keiner Weise als Einführung in die Wissenschaftsgeschichte der Vorderasiatischen Archäologie, weder für Studiernde dieses Faches noch für an archäologischer Forschung allgemein interessierte Menschen. Einen allgemeinen Zweck erfüllt es einzig und allein in der Bereitstellung ausführlicher Bibliographien der von den Autoren selbsternannten «Moortgat-Schüler» (12 Personen). Die Auflistung ihrer Werke in immer neuen Zusammenstellungen nimmt dann auch ca. 33% der Seiten des Buches ein.
Strukturell sind die Darlegungen binär organisiert: Kapitel 1-4 handeln von den «Guten» der Disziplin, den «Fundamentlegern» im 19. Jhd. und den «großen Ausgräbern» bis hin zu Anton Moortgat (Kapitel 1), vom Kreis der «Moortgat-Schüler» und ihren Meriten (Kapitel 2 und 3), kurz wird auch auf die Situation in Ostberlin und Ostdeutschland vor 1989 hingewiesen (Kapitel 4). Den vier Kapiteln der «Guten» ist folgendes Goethe Zitat vorangestellt: «Wer nicht von dreitausend Jahren sich weiß Rechenschaft zu geben, bleib' im Dunklen unerfahren, mag von Tag zu Tag leben».
Und dieses finstere Los blüht dann in der Perspektive der Autoren wohl den «Bösen» der Disziplin, denn - dramaturgisch perfekt inszeniert ' werden die Kapitel 5-8 mit Goethes bekanntem Merkspruch: « Grau teurer Freund, ist alle Theorie und grün des Lebens goldner Baum» eingeleitet. «Besprochen» - der Ton ist höchst polemisch und von weltenrichterlicher Selbstzufriedenheit getragen - werden im Folgenden aus dem Zusammenhang gerissene Gedanken namhafter Fachwissenschaftler, zunächst die des Prähistorikers K.H. Eggert (Kapitel 5), der in seinem 2006 erschienen Werk «Archäologie: Grundzüge einer Historischen Kulturwissenschaft» sich auch kurz zur Vorderasiatischen Archäologie äußert. Im Anschluss handeln die Autoren Äußerungen von H. J. Nissen und ausgewählten «Nissen-Schülern» ab. Nissen hatte seit 1971 bis zu seiner Erimitierung im Jahr 2000 die Leitung des Berliner Instituts für Vorderasiatische Altertumskunde an der Freien Universität inne (Kapitel 6-7). Kapitel 8 bietet schließlich Gedanken von Wolfram Nagel zum vor über 20 Jahren erschienenen Buch von Martin Bernal, «Black Athena» (1987).
Durch ein Oswald Sprengler Zitat hervorgehoben wird dann wieder Kapitel 9: «Die 'Alte' und die 'Neue Kunst'». Den Autoren geht es in diesem Kapitel darum darzulegen, wer oder was «Kunst» verursacht, definiert und wie diese dann in 'richtiger' Weise zu betrachten sei.
Den im Kapitel 10 gebotenen Ausblick leitet wiederum ein Zitat ein, diesmal von Arthur Schopenhauer: «'...Kein größerer Irrtum, als zu glauben, daß das zuletzt gesprochene Wort stets das richtigere, jedes später Geschriebene eine Verbesserung des früher Geschriebenen und Veränderung ein Fortschritt sei».
Ich kann an dieser Stelle nur auf Weniges hinweisen. Generell ist zu bemerken, dass die Autoren in jeder Weise auf die historische, soziale und kulturelle Einbettung der von ihnen genannten Forscher, ihrer Konzepte und Leistungen verzichten. Im Kapitel 1 führt dieses Vorgehen beispielsweise dazu, dass Eckhard Unger (1884-1966) der 1937 die Nachfolge des 1935 emmigrierten Juden Ernst Herzfeld in Berlin übernehmen konnte, von den Autoren belobigt wird; sein Werk «Babylon, die heilige Stadt''» von 1931 sei in gar mancher Hinsicht auch heute noch sehr aktuell (S. 15-16). Auf Ungers ' vielleicht heute auch noch in mancher Hinsicht aktuellen(?) ' Beitrag « Das antike Hakenkreuz als Wirbelsturm, Welt und Mensch im Alten Orient, vol.1' (Berlin 1937)» wird hingegen nicht eingegangen.
Weiters fehlt den Autoren jede Einsicht in die «Situierung» (auch) ihres eigenen Wissens und in die historische, kulturelle Determiniertheit (auch) ihrer eigenen Perspektive. Das wird in allen Kapiteln deutlich, die nicht der Aufzählung der eigenen Meriten vorbehalten sind. Ich exemplifiziere diese Behauptung im Folgenden anhand des Kapitels 9 «Die 'Alte' und die 'Neue Kunst'» (S. 136-150). Deutlich wird dabei auch das restlos eklektische Vorgehen der Autoren.
Das Kapitel startet mit der Reklamation einer Bemerkung R. Bernbecks hinsichtlich situierter westlicher Sichtweisen nicht-westlicher Artefakte (S. 137; Bezug genommen wird auf einen Aufsatz Bernbecks von 1996). Dass nicht nur Sichtbarkeit sondern auch Sehen das Ergebnis spezfischer gesellschaftlicher Konstruktionsleistungen vorstellt, ist heute ein Allgemeinplatz kulturwissenschaftlicher Forschungen. Im Folgenden setzen sich die Autoren jetzt aber nicht mit Bernbecks Vorgabe auseinander, sondern sie diskutieren über 4 Seiten einen Verweis Bernbecks auf den klassichen Archäologen B. Schweitzer. In diesem Zusammenhang legen die Autoren ihr Verständnis der Ordnungsprinzipien von Kunst dar.
Zurückgegriffen wird zunächst auf Wilhelm Pinders Schrift «Das Problem der Generation in der Kunstgeschichte Europas» von 1926. Die Autoren postulieren, dass es sich hierbei um «das entscheidende Werk» zur «Frage nach einer 'Gesetzmäßigkeit' oder 'Logik der Formentwicklung'» handelt (S. 137). Der Kunsthistoriker Norbert Schneider und die Kunsthistorikerin Jutta Held notieren zu Pinder in ihrem im gleichen Verlag ' Böhlau UTB ' erschienenen Studienbuch «Grundzüge der Kunstwissenschaft» (2007) jetzt aber: «Pinders Stiltheorie gibt durchaus zu erkennen, dass ihr Autor zu den Ideologen des Nationalsozialismus gehörte» (Held/ Schneider 2007: 345); Pinder war Fördermitglied der SS. Weiterhin bemerken Held/ Schneider: «Abzulehnen ist nicht diese Frage (die nach den konkreten Trägerschaften als den Urhebern von Stilen; HV), wohl aber die Antwort, mit der Pinder seine Übereinstimmung mit Grundsätzen der nationalsozialistischen Ideologie und Politik bezeugt: Die stilrelevanten Faktoren sind nach seiner Überzeugung letztlich in Nationen und Rassen zu suchen» (Held/ Schneider 2007: 345). Eben die zuletzt genannte Überzeugung Pinders ' also die biologische (d.h. rassenbiologisch informierte) Erklärung von Stilen ' begründet zusammen mit Pinders Konzept der «'Entelechie' («Zielgerichtetheit», «Entfaltungsplan») in der Kunstentfaltung» (S. 137) jetzt aber die Wertschätzung, die dieser Kunsthistoriker durch Hrouda, Nagel und Strommenger erfährt. Eine wissenschaftsgeschichtliche Verortung der im Kern rassistisch fundierten stilgeschichtlichen Aussagen Pinders im zunehmend nationalistischen Klima der Zeit unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg unterbleibt. Auf alternative Konzepte, die auch zur Zeit Pinders existierten, wird nicht hingewiesen (vertreten beispielsweise von Gottfried Semper; Jacob Burckhardt; Aby Warburg; Max Dvorák, Erwin Panofsky u.a.)
Im Folgenden spannen die Autoren den in den Kunstwissenschaften höchst ambivalent rezipierten Hans Sedlmayr für ihre Zwecke ein. Hans Sedlmayr erlangte 1936 eine Professur an der Wiener Technischen Hochschule. 1946 wurde er aufgrund seiner Sympathie für den Nationalsozialismus von diesem Lehrstuhl enthoben; Sedlmayr war Parteimitglied der NSDAP (vgl. Hubert Locher, Kunstgeschichte im 20. Jahrhundert, 2007: 87-88). Sedlmayrs «Strukturanalyse» ist in den Kunstwissenschaften heute vorrangig von forschungsgeschichtlicher Bedeutung. Obgleich, wie die Autoren selbst schreiben, «Sedlmayr die 'Rasse' als Träger (für das reale Kunstprodukt; HV) aus(schließt)» (S. 138), beharren die Autoren doch darauf, dass «es für die Strukturforschung allerdings nahe (lag), die Rasse als maßgeblichen Faktor in Anspruch zu nehmen» (S. 138). Sedlymayr geht es aber in seiner «zweiten Kunstwissenschaft» - die erste handelt vom « rein faktographischen Wissen» - gerade um das Verstehen des «inneren Stils» eines Kunstwerkes, der sich der «individuellen Prägekraft eines Künstlers» verdankt (vgl. Held/ Schneider 2007: 358). Es sind also die Autoren selbst, die «Rasse» als Träger von Kunst(stilen) bestimmen möchten. Vgl. folgendes Zitat: «Ausschlaggebend jedoch ist ' wie wir oben bereits bemerkten ' die labile Abhängigkeit der schöpferischen Begabung von den erbbiologischen Voraussetzungen ihrer Träger, also der Menschen ihrer Bevölkerungsgruppe» (S. 140). Und dies alles dargeboten auf Bernbecks Bemerkung hin, dass Sehen ein in jeder Hinsicht situierter Vorgang sei!
Im gleichen assoziativen Stil geht es weiter. Es folgen Versatzstücke aus Winckelmanns Schaffen, anhängend ein längeres Zitat des Bauforschers und Ausgräbers Walter Andrae von 1938, dann wird ein gewisser W. Müseler zitiert, der eine «umsichtige Definition des 'Stil-Begriffes'» (S. 144) geliefert haben soll. Es folgen Zitate aus Nietzsches Schriften, die die Autoren hinführen zur Bemerkung über die «kopernikanische Leistung Spenglers», nämlich seiner Schrift «Untergang des Abendlandes»; es erfolgt eine kurze Würdigung des Spengler'schen Schaffens (S. 146). Oswald Spengler (1880-1936) gilt als ein geistiger Wegbereiter des Nationalsozialismus.
Abschließend kommmen die Autoren auf den klassischen Archäologen Adolf H. Borbein zu sprechen, dem wir in ihrer Perspektive die neue «Kunst», d.h. eigentlich Kunstanschauung verdanken. Die Autoren nehmen hierzu Bezug auf 3 Seiten eines 20seitigen Beitrags Borbeins zum Thema «Formanalyse» von 2000 (erschienen in: Adolf H. Borbein / Tonio Hölscher und Paul Zanker, «Klassische Archäologie»). Borbein äußert in der Tat auf den Seiten 113-114 des vorgenannten Aufsatzes Verständnis für «das verbreitete Mißtrauen gegenüber >Stil-Archäologie<».
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