Wer kennt das Gefühl nicht: Es eröffnet sich eine interessante Möglichkeit, und da man nicht weiß, was man alles erwarten darf, erwartet man besser erstmal gar nichts. Christa Wolf, schon vor 20 Jahren eine der bekanntesten Autorinnen der (ost- und west-) deutschen Gegenwart, bekommt die Möglichkeit, eine längere Griechenlandreise zu unternehmen. Sie nimmt sich vorsichtshalber nicht mehr vor als "Tourismus" (ein Luxus für DDR- Bürger) und verpasst prompt das Flugzeug. Soweit noch kein Grund, Vorlesungen darüber zu halten und sie als Buch zu veröffentlichen - aber der Zwang, einen Tag auf den nächsten Flieger warten zu müssen, lässt sie in der "Orestie" des Aischylos lesen. Kassandra taucht auf, mittelgroße Nebenrolle, Kriegsgefangene, stirbt ein paar Seiten später. Doch Christa Wolf kommt nicht mehr von ihr los. Wer war diese Frau, die den trojanischen Krieg, sein Ende und ihren eigenen Tod vorausgesehen und vorausgesagt hatte? Wer war sie wirklich gewesen? Christa Wolf beginnt eine Detektivarbeit: Wie war die Welt vor dreitausend Jahren? Wie geschah der Wandel von einer mythisch- vorzeitlichen Welt in unseren heutigen Wissenschaftsfanatismus? Der Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat? So zeichnet sie den Weg nach, der sie von einem uralten Namen zu einer modernen Erzählung geführt hat, zeigt offen ihre Gedanken, Zweifel auf. Gedanken über eine männerbeherrschte Welt, in der Aufrüstung als Friedenssicherung bezeichnet wird anstatt als "Vorkrieg", in der der Wunsch zu überleben, die Sehnsucht nach einer grünen, friedlichen Welt als unrealistisch abgetan wird. Und sie philosophiert darüber, was eine festgelegte Ästhetik bzw. Poetik für eine Rolle in dieser Welt spielen. Das Buch ist zugleich die Erzählung über eine Erzählung (Kassandra), der Zweifel an vorherrschenden Denkmustern und Schreibschablonen, der Versuch eine Utopie für die Zukunft in der Vergangenheit zu finden. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)