Manche behaupten, zum Panoptikum der Beziehungen zwischen Mann und Frau sei seit Dante und Shakespeare schon alles gesagt. Dass dem nicht so ist, haben zum Beispiel die Bücher von Houllebecq gezeigt, in denen der Ersatz der Gefühle durch sexualisiertes Bodenturnen als neues Paradigma von Bindung und Lösung gefeiert wurden. Julian Barnes wählt einen anderen und ungleich anspruchsvolleren Weg. Er fragt nach den Irrungen der Gefühle inmitten einer durch und druch polygamen Welt - er spürt den Befindlichkeiten der Menschen nach, die den Ehebruch als soziales Ritual betreiben und die Liebe durch eine Mauer des Zynismus so einkapseln, dass sie ihnen nicht mehr gefährlich werden kann. Graham Hendrick ist anders, er ist ein wohlmeinender, ausgeglichener achtunddreißigjähriger Historiker, den die Liebe zur schönen Ann in den Abgrund reißt -wohlgemerkt, in den Abgrund seiner eigenen Gefühle, denn er wird von der „retrospektiven Eifersucht" erfasst, einer bislang unbekannten Variante der Eifersucht, die ihre Opfer mit Obsessionen darüber quält, was ihre Partner wohl vor der gemeinsamen Zeit getrieben haben. Das war bei der schönen Ann offenbar eine ganze Menge, wie der Historiker Graham nach und nach, zunächst mehr zufällig, dann aufgrund intensiver Recherchen, herausfindet. Bemerkenswerter als der Handlungsfaden, ist dabei die Atmosphäre, die Barnes entfaltet - ob über die Größe des Penis, die Eifersucht, den seelischen Schmerz und was immer die Probleme der liberalistischen Gesellschaft sonst noch sein mögen - zu allem weiß der Autor Blitzgescheites und Witziges beizutragen, so dass man manchmal vergisst, dass es sich bei dem vorliegenden Werk um ein zutiefst mroalisches Buch handelt. In einer Welt, in der „ein unheilbares Unbehagen der Normalzustand ist" chargiert die Geschichte zwischen Heiterkeit und Leid Komödie und Schmerz hin und her, bis sie schließlich in der Katastrophe endet - wobei bis zum Schluss unklar bleibt, ob die Eifersucht gerechtfertigt war oder nicht. .