Es ist sehr viele Jahre her, daß ich zum letzten Mal Fontane gelesen habe (übrigens immer mit Vergnügen). Durch eine Rezension in der FAZ kam ich auf VOR DEM STURM, das ich nicht kannte und mir gleich bestellt habe. Und jetzt mit großer Freude und leiser Wehmut lese. Denn ich habe an mir selbst festgestellt, wie entwöhnt wir dem gemächlichen Tempo und Rhythmus einer Fontane'schen Erzählung inzwischen sind. Ich mußte mich auf diese Langsamkeit sehr bewußt einlassen - dann aber habe ich diese Geschichte genossen! Fontanes Menschen-, Orts- und Naturschilderungen sind einfach unübertroffen. Dies ist ein Buch, das man genüßlich lesen sollte, nichts zum Verschlingen.
Man wird zurückgeführt in eine Welt, in der Pferdedroschken das Tempo bestimmten, die Dorfstraße die Unterhaltung für alle bot, Post und Zeitungen lange unterwegs waren und die Menschen sich sehr viel mehr miteinander beschäftigten, als es heute üblich ist. Es ist eine Zeit, in der sich die Menschen ihrer Heimat und Herkunft, ihrer Nation bewußt sind. Stände und Sitten spielen eine ganz andere Rolle als heute. Männer und Frauen standen in anderem Umgang und Verhältnis zueinander. Und man kommt nicht umhin, das alles manchmal mit leisem Bedauern zu lesen, Bedauern darüber, daß diese Zeit unwiderbringlich dahin ist...