Aus der Amazon.de-Redaktion
In Ystad und im Umland übergießt ein scheinbar Wahnsinniger Tiere mit Benzin und steckt sie in Brand. Eine ältere Frau wird auf einer Wanderung in einer abgelegenen Schlucht bestialisch ermordet, und eine von Lindas ältesten Freundinnen verschwindet von einem Tag auf den anderen. Auch wenn ihr Vater es nicht wahr haben möchte: Zwischen all diesen Ereignissen besteht ein Zusammenhang. Es bedarf akribischster Ermittlungen und einer Reihe von Auseinandersetzungen zwischen Kurt und Linda Wallander, bevor der dickköpfige Kommissar bereit ist, an eine Verschwörung größeren Ausmaßes zu glauben.
Vor dem Frost ist ein Roman des Übergangs: Noch hält Kurt Wallander das Heft in der Hand und ist nicht bereit, seine Tochter als Polizistin zu akzeptieren. Linda muss um jeden Zentimeter Freiheit kämpfen, sowohl in privater wie in beruflicher Hinsicht. Dieser Kampf wird mit harten Bandagen geführt, wobei Mankell die Glaubwürdigkeit seiner Figuren gelegentlich sehr strapaziert. Auch die Handlung des Romans wirkt teilweise etwas konstruiert -- der Autor hat eindeutig ein Anliegen, und es gelingt ihm nicht immer, daraus eine spannende Geschichte zu machen.
Für Wallander-Freunde bietet Vor dem Frost einige schöne Reminiszenzen: Linda erinnert sich immer wieder an Vorfälle aus ihrer Kindheit, die den Lesern aus früheren Mankell-Romanen geläufig sind. Auch der angestrebte Vergleich zwischen christlichem und islamischem Fundamentalismus ist ein durchaus lohnenswerter Stoff, der besonders durch die psychologisch genaue Schilderung der Antagonisten an Glaubwürdigkeit gewinnt. Wir können jedenfalls gespannt sein, wie sich Linda Wallander mausert, wenn sie aus des Vaters Schatten herausgetreten ist und als Polizistin selbstständig wird. --Hannes Riffel
Pressestimmen
Kurzbeschreibung
Ein Kalb wird bei lebendigem Leib verbrannt, und sechs brennende Schwäne fliegen über den Marebo-See. Frauen verschwinden, eine Amerikanerin wird in der Kirche erdrosselt, und ein Lastwagen voll Dynamit lässt den Dom von Lund in Flammen aufgehen.
Linda ist Polizeianwärterin in Ystad und darf Kurt Wallander bei seinen Ermittlungen zunächst nur als Tochter begleiten. Dann aber wird sie persönlich in den Fall hineingezogen: Ihre Freundin Anna ist spurlos verschwunden, kurz nach einer rätselhaften Begegnung mit ihrem Vater, der seit Jahren verschollen war. Linda macht sich auf die Suche nach der Freundin und beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln. Und sie verliebt sich: in Stefan Lindman, der als Kriminalbeamter von Boras nach Ystad gewechselt ist. Der Konflikt mit dem Vater ist vorprogrammiert. Furchtlos begibt Linda sich in Gefahr, um ihre Freundin zu retten. Wird sie, die gleich bei ihrem ersten Fall alles wagt, mit heiler Haut davonkommen?
In seinem neuen Kriminalroman spannt Ma nkell den Bogen von dem furchtbaren Massaker in Jonestown, Guyana 1978, wo ein religiöser Fanatiker allen seinen Anhängern befahl, Selbstmord zu begehen, bis zum 11. September 2001. Zum Thema von religiösem Wahn und Gewaltverbrechen ist ihm ein fesselnder Roman gelungen, der zu seinen spannendsten zählt. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Der Verlag über das Buch
Über den Autor
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Doch dieser Tag, der 27. August, war der Tag, an dem Anna Westin spurlos verschwand. Als Linda sich mit dem Dietrich Zutritt verschafft hatte und in Annas Wohnzimmer saß, versuchte sie sich Anna vorzustellen, ihre Stimme zu hören, wie sie von dem Mann erzählte, der vor einem Hotelfenster auf der Straße gestanden hatte und ihrem Vater glich. Es gibt Doppelgänger, dachte Linda. Es ist nicht nur eine Legende, daß jeder Mensch irgendwo auf der Welt seine Entsprechung hat, einen Menschen, der zur gleichen Zeit geboren ist und stirbt wie er. Doppelgänger sind eine Realität. Ich selbst habe einmal in der U-Bahn in Stockholm meine Mutter gesehen. Beinah wäre ich zu ihr gegangen. Sie hörte auf, meine Mutter zu sein, als sie eine finnische Zeitung aufschlug und zu lesen begann.
Was hatte Anna eigentlich erzählt? Von einem wiederauferstandenen Vater oder seinem Doppelgänger? Sie hatte darauf bestanden, daß es wirklich ihr Vater war. Aber Anna besteht immer auf allem, dachte Linda. Sie kann Dinge behaupten, die nicht wahr sind, sondern eingebildet oder erfunden. Aber sie würde sich nie verspäten oder vergessen, daß sie Besuch bekommen soll.
Linda ging in der Wohnung umher. Sie blieb beim Bücherregal in Annas Studierecke im Eßzimmer stehen. Sie las die Buchrücken. Hauptsächlich Romane, die eine und andere Reiseschilderung. Aber kaum Fachliteratur. Linda runzelte die Stirn. Fast keine medizinischen Fachbücher. Sie ging zu den anderen Bücherregalen in der Wohnung. Was sie noch fand, war ein Nachschlagewerk über die gewöhnlichsten Volkskrankheiten. Hier war ein Bruch, dachte sie. Müßte Linda nicht massenweise medizinische Fachliteratur für ihr Studium haben?
Sie öffnete den Kühlschrank. Darin war das Übliche, nichts Unerwartetes. Die Zukunft war in Form einer ungeöffneten Milchpackung mit dem Haltbarkeitsdatum 2.September vertreten. Linda setzte sich wieder ins Wohnzimmer und versuchte, die Bruchstelle genauer zu betrachten. Wie konnte jemand, der Medizin studierte, ohne Fachliteratur auskommen? Hatte sie die Bücher an einem anderen Ort? Aber sie wohnte in Ystad und behauptete, den größten Teil ihrer Studien hier zu betreiben.
Linda wartete. Es wurde sieben. Sie rief zu Hause an.
Ihr Vater meldete sich mit vollem Mund. »Ich dachte, wir wollten heute zusammen essen?«
Linda zögerte, bevor sie antwortete. Sie wollte etwas von Anna sagen und wollte es gleichzeitig nicht. »Ich bin beschäftigt.«
»Womit denn?«
»Mit meinem eigenen Leben.«
Ihr Vater murmelte etwas Unverständliches.
»Ich habe heute Martinsson getroffen.«
»Ich weiß.«
»Was weißt du?«
»Er hat es erwähnt. Daß ihr euch getroffen habt. Mehr nicht. Du brauchst dir nicht über alles und jedes Gedanken zu machen.«
Das Gespräch endete. Linda wartete weiter. Um acht rief sie Zebra an und fragte, ob sie wüßte, wo Anna sein könnte. Zebra hatte seit einigen Tagen nichts von Anna gehört. Schließlich, als es neun Uhr geworden war und Linda etwas gegessen hatte, was sie in der Speisekammer und im Kühlschrank gefunden hatte, rief sie Henrietta an. Sie mußte es lange klingeln lassen, bevor Henrietta sich meldete. Linda ging behutsam vor. Sie wollte die zerbrechliche Frau nicht verängstigen. War Anna nach Lund gefahren? War sie in Kopenhagen oder Malmö? Linda stellte die harmlosesten Fragen, die ihr einfielen.
»Ich habe seit letzten Donnerstag nicht mit ihr gesprochen.«
Vier Tage, dachte Linda. Dann hat Anna auch nichts von dem Mann erzählt, der vor dem Hotelfenster in Malmö stand. Sie hat diese wichtige Angelegenheit nicht mit ihrer Mutter geteilt, obwohl sie sich so nahe stehen.
»Warum willst du denn wissen, wo Anna ist?«
»Ich habe sie angerufen, und sie meldet sich nicht.«
Linda hörte eine wachsende Besorgnis aus Henriettas Stimme.
»Aber du rufst doch nicht jedesmal an, wenn Anna sich nicht meldet?«
Linda war auf die Frage vorbereitet. Eine kleine Lüge, eine freundliche Lüge. »Ich hatte solche Lust zu kochen und sie zum Essen einzuladen. Sonst nichts.«
Linda gab dem Gespräch eine andere Richtung. »Weißt du, daß ich hier in Ystad bei der Polizei anfange?«
»Anna hat es erzählt. Aber wir verstehen beide nicht, warum du Polizistin wirst.«
»Wenn ich Möbelpolsterin geworden wäre, stände ich jeden Tag mit Zwecken im Mund da. Bei der Polizei ist es abwechslungsreicher.«
Irgendwo im Hintergrund läutete eine Glocke. Linda beeilte sich, das Gespräch zu beenden. Anna hat ihrer Mutter nichts von dem Mann erzählt, den sie gesehen zu haben glaubt. Sie verabredet sich heute mit mir und ist nicht da. Ohne eine Nachricht für mich zu hinterlassen.
Linda versuchte erneut sich zu sagen, daß alles Einbildung sei. Was konnte schon passiert sein? Anna ging keine Risiken ein. Im Gegensatz zu Zebra und Linda selbst war Anna übervorsichtig. Kein Typ für die Achterbahn. Sie mißtraute fremden Menschen, stieg nie in ein Taxi, ohne vorher dem Fahrer in die Augen zu sehen. Linda ging vom Einfachsten aus: Anna war aufgewühlt. War sie nach Malmö zurückgefahren, um den Mann zu suchen, der vielleicht ihr Vater war? Anna hat nie eine Verabredung verpaßt, dachte Linda. Aber sie hat auch noch nie geglaubt, ihren Vater auf der Straße gesehen zu haben.
Bis Mitternacht blieb Linda in der Wohnung.
Da war sie überzeugt. Es gab keine natürliche Erklärung dafür, daß Anna nicht zu Hause war. Es war etwas passiert. Aber was?
Auszug aus Vor dem Frost. von Henning Mankell. Copyright © 2003. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Was hatte Anna eigentlich erzählt? Von einem wiederauferstandenen Vater oder seinem Doppelgänger? Sie hatte darauf bestanden, daß es wirklich ihr Vater war. Aber Anna besteht immer auf allem, dachte Linda. Sie kann Dinge behaupten, die nicht wahr sind, sondern eingebildet oder erfunden. Aber sie würde sich nie verspäten oder vergessen, daß sie Besuch bekommen soll.
Linda ging in der Wohnung umher. Sie blieb beim Bücherregal in Annas Studierecke im Eßzimmer stehen. Sie las die Buchrücken. Hauptsächlich Romane, die eine und andere Reiseschilderung. Aber kaum Fachliteratur. Linda runzelte die Stirn. Fast keine medizinischen Fachbücher. Sie ging zu den anderen Bücherregalen in der Wohnung. Was sie noch fand, war ein Nachschlagewerk über die gewöhnlichsten Volkskrankheiten. Hier war ein Bruch, dachte sie. Müßte Linda nicht massenweise medizinische Fachliteratur für ihr Studium haben?
Sie öffnete den Kühlschrank. Darin war das Übliche, nichts Unerwartetes. Die Zukunft war in Form einer ungeöffneten Milchpackung mit dem Haltbarkeitsdatum 2.September vertreten. Linda setzte sich wieder ins Wohnzimmer und versuchte, die Bruchstelle genauer zu betrachten. Wie konnte jemand, der Medizin studierte, ohne Fachliteratur auskommen? Hatte sie die Bücher an einem anderen Ort? Aber sie wohnte in Ystad und behauptete, den größten Teil ihrer Studien hier zu betreiben.
Linda wartete. Es wurde sieben. Sie rief zu Hause an.
Ihr Vater meldete sich mit vollem Mund. "Ich dachte, wir wollten heute zusammen essen?"
Linda zögerte, bevor sie antwortete. Sie wollte etwas von Anna sagen und wollte es gleichzeitig nicht. "Ich bin beschäftigt."
"Womit denn?"
"Mit meinem eigenen Leben."
Ihr Vater murmelte etwas Unverständliches.
"Ich habe heute Martinsson getroffen."
"Ich weiß."
"Was weißt du?"
"Er hat es erwähnt. Daß ihr euch getroffen habt. Mehr nicht. Du brauchst dir nicht über alles und jedes Gedanken zu machen."
Das Gespräch endete. Linda wartete weiter. Um acht rief sie Zebra an und fragte, ob sie wüßte, wo Anna sein könnte. Zebra hatte seit einigen Tagen nichts von Anna gehört. Schließlich, als es neun Uhr geworden war und Linda etwas gegessen hatte, was sie in der Speisekammer und im Kühlschrank gefunden hatte, rief sie Henrietta an. Sie mußte es lange klingeln lassen, bevor Henrietta sich meldete. Linda ging behutsam vor. Sie wollte die zerbrechliche Frau nicht verängstigen. War Anna nach Lund gefahren? War sie in Kopenhagen oder Malmö? Linda stellte die harmlosesten Fragen, die ihr einfielen.
"Ich habe seit letzten Donnerstag nicht mit ihr gesprochen."
Vier Tage, dachte Linda. Dann hat Anna auch nichts von dem Mann erzählt, der vor dem Hotelfenster in Malmö stand. Sie hat diese wichtige Angelegenheit nicht mit ihrer Mutter geteilt, obwohl sie sich so nahe stehen.
"Warum willst du denn wissen, wo Anna ist?"
"Ich habe sie angerufen, und sie meldet sich nicht."
Linda hörte eine wachsende Besorgnis aus Henriettas Stimme.
"Aber du rufst doch nicht jedesmal an, wenn Anna sich nicht meldet?"
Linda war auf die Frage vorbereitet. Eine kleine Lüge, eine freundliche Lüge. "Ich hatte solche Lust zu kochen und sie zum Essen einzuladen. Sonst nichts."
Linda gab dem Gespräch eine andere Richtung. "Weißt du, daß ich hier in Ystad bei der Polizei anfange?"
"Anna hat es erzählt. Aber wir verstehen beide nicht, warum du Polizistin wirst."
"Wenn ich Möbelpolsterin geworden wäre, stände ich jeden Tag mit Zwecken im Mund da. Bei der Polizei ist es abwechslungsreicher."
Irgendwo im Hintergrund läutete eine Glocke. Linda beeilte sich, das Gespräch zu beenden. Anna hat ihrer Mutter nichts von dem Mann erzählt, den sie gesehen zu haben glaubt. Sie verabredet sich heute mit mir und ist nicht da. Ohne eine Nachricht für mich zu hinterlassen.
Linda versuchte erneut sich zu sagen, daß alles Einbildung sei. Was konnte schon passiert sein? Anna ging keine Risiken ein. Im Gegensatz zu Zebra und Linda selbst war Anna übervorsichtig. Kein Typ für die Achterbahn. Sie mißtraute fremden Menschen, stieg nie in ein Taxi, ohne vorher dem Fahrer in die Augen zu sehen. Linda ging vom Einfachsten aus: Anna war aufgewühlt. War sie nach Malmö zurückgefahren, um den Mann zu suchen, der vielleicht ihr Vater war? Anna hat nie eine Verabredung verpaßt, dachte Linda. Aber sie hat auch noch nie geglaubt, ihren Vater auf der Straße gesehen zu haben.
Bis Mitternacht blieb Linda in der Wohnung.
Da war sie überzeugt. Es gab keine natürliche Erklärung dafür, daß Anna nicht zu Hause war. Es war etwas passiert. Aber was?