Auch über 130 Jahre nach dem (vorhersehbar) tragischen Ende des Zweiten Mexikanischen Kaiserreichs (1864-67) stehen seine Hauptakteure nach wie vor im Mittelpunkt des wissenschaftlichen und literarischen Interesses: Diesseits und jenseits des Ozeans regt die kurze, krisengeschüttelte und überhaupt nur durch Napoleons III Bajonette ermöglichte Regentschaft Maximilians, des jüngeren Bruders des Habsburgerkaisers Franz Josef, und seiner belgischen Frau Charlotte nicht erst (wieder) seit Fernando del Pasos brilliantem Roman Nachrichten aus dem Imperium eine Schreibproduktion an, die in krassem Mißverhältnis zur eher geringen historischen Dauer dieser Mini-Episode mexikanischer Geschichte zu stehen scheint.
Meist sind es jedoch gerade diese Details, auch wenn sie z. T. einfach erfunden sind, die im Gedächtnis der Masse haften bleiben: so gibt es eine regelrechte schwarze Legende über das kaiserliche Privatleben, das der hier veröffentlichte Briefwechsel nach Ansicht des Herausgebers Ratz Lügen straft: auch wenn vieles nur in der damaligen Zeit verbreitete Floskel sein mag, so spricht aus der Korrespondenz doch tiefe gegenseitige Achtung, liebevolle Besorgnis, gemeinsame Lust am spöttischen Klatsch über den von Maximilian immer belächelten Hof und ein feiner Sinn für Humor, den man landläufig der als ehrgeizig verschrieenen Charlotte nicht so ohne weiteres zugetraut hätte.
Skandalsüchtige Paparazzi auf der Suche nach Beweisen für die immer wieder kolportierte kaiserliche Untreue mögen enttäuscht sein; für ernsthafte Interessenten eröffnet sich diskret ein lesenswerter Einblick in das Geistesleben der beiden Monarchen, die sich zumindest auf dem Gebiet des Regierens unbedingt als Team verstanden haben.