Island ist dieses Jahr zu Gast auf der Frankfurter Buchmesse. Daher bin ich auf diesen Roman aufmerksam geworden. Der bekannte isländische Autor Einar Mar Gudmundsson erzählt in seinem Roman eine Geschichte über menschliche Grenzsituationen.
"Liebe mich am meisten, wenn ich es am wenigsten verdiene, denn dann brauche ich es am nötigsten."
Einar Thor und seine Geliebte Eva sind schwer alkohol- und drogenabhängig. Während Einar in den Niederlanden in Untersuchungshaft sitzt, schreiben die beiden sich fast täglich, und weil sie sich noch nicht lange kennen, erzählen sie einander ihre Lebensgeschichte. Dank ihrer innigen Verbindung gelingt es ihnen schließlich, die Sucht zu überwinden. Bei einem Treffen der Anonymen Alkoholiker (AA) lernt Einar den Schriftsteller Einar Már Gudmundsson kennen. Er vertraut ihm den liebevollen, hoffnungsfrohen und Mut machenden Briefwechsel an. Gudmundsson sieht in der Problematik der beiden Liebenden sein eigenes Alkoholproblem gespiegelt und schreibt daraufhin den vorliegenden Roman. So ist dieses Buch eine einzigartige Liebesgeschichte unter außergewöhnlichen Bedingungen und ein Erfahrungsbericht eines suchtkranken Menschen auf dem Weg zum trockenen Alkoholiker.
Einar Mar Gudmundsson ist nach Per Olov Enquist der zweite skandinavische Autor, der sich literarisch mit der eigenen Alkoholsucht auseinandersetzt. In
Ein anderes Leben schildert Per Olov Enquist, wie er sich in einer Entzugsklinik in Island von seiner Sucht befreite. Für ihn gehörte einst der Alkohol neben der Paranoia und der Trägheit zu den drei Berufskrankheiten eines Schriftstellers. Gudmundsson beschreibt in seinem Roman drei Menschen, die "in den Krater des Alkohols und der Drogen" stürzen und sich daraus befreien. Einer von ihnen ist der Autor selbst, der von seiner jahrelangen Alkoholkrankheit erzählt. "Er war das Benzin, das mich antrieb, das Öl, das die Geschichten schmierte." Ein guter Freund gab durch seine Aufrichtigkeit den Anstoß zur Therapie. Der Prozess war schmerzhaft. "Sich von der Flasche zu trennen ist, als ob man amputiert würde."
Heute gilt der 56-jährige als trocken und kann mit klarem Verstand auf seine Erfahrungen zurückblicken. Das übermäßige Trinken ging Hand in Hand mit dem Selbstbetrug und es ist erschütternd zu lesen, was der Suff aus dem Menschen macht. Sich einzugestehen, daß man "alkoholkrank" ist, gehört zum Schwierigsten im Genesungsprozess und ist mit einer großen Scham besetzt. So empfand es auch der Autor, der erst nach langem Zögern die Kraft aufbrachte, die Treffen der Anonymen Alkoholiker aufzusuchen. In dieser Selbsthilfegruppe hat auch er die Erfahrung gemacht, wie heilsam es sein kann, auf andere Menschen mit den gleichen Erfahrungen zu treffen. In den Erzählungen der anderen hat er sich oft genug selbst wiedererkannt. Auch das Beschäftigen mit dem Thema Abhängigkeit und das Schreiben dieses Romans sei eine Art Therapie für ihn gewesen.
"Vorübergehend nicht erreichbar" ist ein minutiöser, schonungsloser Bericht, ein Befreiungsschlag des in Reykjavík lebenden Autors, der hier schreibt: "Geschichten erzählen ist unsere Medizin." Kein leicht zu lesender Stoff, aber ein mutiges Buch voller Liebe und Hoffnung.
Man möchte dem Autor von Herzen wünschen, daß er stark und abstinent bleiben und weiterhin so interessante Romane verfassen möge. Man kann alles schaffen, wenn man sich seinen Problemen stellt!