„Vorübergehend nicht erreichbar" ist kein leichtes, kein fröhliches Buch. Schon die ersten Sätze deuten darauf hin, dass es hier um Vergänglichkeit, um Zerfall, um Trauer geht. „Eine Motte kriecht langsam über die angegrauten Kacheln des Badezimmerbodens" führt ein in eine leicht morbide Welt, in der Distanz, Krankheit, Sprachlosigkeit, Verdrängung und Tod, aber auch viel Liebe eine Rolle spielen. „Die Welt als Krankenzimmer" im Sinne von Thomas Bernhard - zumindest bestimmt sie das Leben von Franziska, der Hauptfigur, welche ihre kranke Mutter aufopfernd pflegt. Eine Mutter-, Familien- und Beziehungsgeschichte, die auf den ersten Blick wütend macht. Mittendrin ist man geneigt, die Protagonistin Franziska zu schütteln, ihr zuzuschreien, wach auf, schau hin, du kannst nichts aufhalten, wenn du dich so passiv verhältst. Denk an dich, schon dich. Red mit Cornelia (das ist ihre Lebensgefährtin). Aber Franziska ist erschöpft, überfordert, ihre persönlichen Beziehungen zu klären, zu sehr pflichtbewußt, um an ihr eigenes Glück zu denken.
Die Erinnerungen an die vergangene Nähe und die tiefe Verbundenheit zu Cornelia sind sehr schön, berührend. Vielleicht ist es in Langzeitbeziehungen üblich, eine Zeit lang nebeneinander her zu leben, vorübergehend nicht erreichbar zu sein eben. Um dann aber irgendwann einen Satz zu hören wie „Die Gewissheit, dass du in meinem Leben bist. Die ist wichtig für mich. Sehr wichtig." Und dann ist vielleicht alles wieder gut? Überhaupt gehen die Personen sehr tolerant miteinander um, sie achten die Eigenarten der anderen. Vielleicht etwas zu tolerant und damit auch distanziert.
Als Kontrapunkt zu Franziska wird Lotte, die Mutter geschildert. Sie ist eine positive lebensfrohe Frau, Künstlerin, „keine überzeugte Hausfrau", „interessiert sich für Staub nur, wenn er im Museum liegt und etwas aussagt." Sätze, die den eigenwilligen Humor der Autorin zeigen. Lotte liebt das Leben, junge Liebhaber und die Theatralik der Liebe und des Lebens.
„Vorübergehend nicht erreichbar" ist ein interessantes Buch, das nachdenklich macht und trotz seiner morbiden Grundstimmung auch Lösungen bietet. Eine Empfehlung auch für alle, die Dean Martins Song „When the moon hits the sky like a big pizza pie, that`s amore" genauso wie Lotte lieben - und das nicht nur im Rahmen einer Beerdigung.
eine "interessierte Leserin"