Georg Steiner versucht in seinem Essay Von realer Gegenwart in seinem besonderen Entwurf einer Utopia, eine Stadt zu entwerfen in der es keine Rezensenten, keine Kritiker gibt, da Rezension und Kritik vollends von der Kunst und dem Künstler selbst übernommen werden. Steiner lehnt auch die Möglichkeit ab, Musik in Sprache, Bilder in Sprache umsetzen zu können. Aber er spricht nicht davon, daß Sprache in Musik und Sprache in Bilder umsetzbar sei. Wenn Steiner Hans Keller herbeizitiert, einen Musikanalytiker, der Musikwissenschaft und Musikkritik als Schwindel abtut, dann kann man vielleicht seiner Meinung sein oder auch nicht. Wenn Steiner aber selbst mit seinem musikalischen Wissen daher stolziert, und erläutert, Liszts Klaviertranskriptionen von italienischen Opern beweise dessen ungeheures Feingefühl, das damit zum Hervorragendseten in der Geschichte der westlichen Musik gehöre, dann ist Herr Steiner doch selbst nichts anderes als ein Musikkritiker, der nur anderen Musikkritikern das Maul verbietet.
Steiner wirkt beleidigt. Da schreibt ein Mann einen Essay gegen Sekundärliteratur und hat sich dafür jahrelang durch Sekundärliteratur gewälzt.
Eine verständliche Reaktion. Es gibt Beamte des Staates, die ihren Job hinschmeissen, weil sie jahrelang kinderpornographisches Material sichten müssen, um die Täter dingfest zu machen. Warum kapitulieren diese Menschen? Weil sie zunehmend zu den Kunden der Täter wurden? Herr Steiner wurde auch ein Kunde der Sekundärliteratur und hat, ironischerweise, einen Kommentar zur Sekundärliteratur verfasst. Steiner schrieb Sekundärliteratur zur Sekundärliteratur, und ich schreibe eben eine Sekundärliteratur zur Sekundärlitaratur zur Sekundärliteratur. Eine Tragikomödie.
So viel lässt sich schon mal vom bloßen Vorhaben Georg Steiners berichten.
Inhaltlich wird es noch komplizierter, da sprachliche Darstellung von musikalischen Darstellungen eine ganz besondere Art der Übersetzung sind.
Sprache ist ein Medium. Musik ist ein Medium.
Zunächst hat Herr Steiner völlig recht, wenn er eine Eins-zu-eins-übersetzung für unmöglich hält. Sprache wirkt aber ganz anders als Musik. Sprache erhellt den rationalen Zugang zur Musik. Ohne Joachim-Ernst Behrendt hätte ich als junger Mensch bei weitem nicht diesen Zugang zur Jazzmusik gefunden, wie ich ihn jetzt ausleben kann.
Musikalisch verstehe ich den Blues, weil er mich rhythmisiert, mir ins Herz geht, mich anrührt und in eine zeitlose Stimmung versetzt. Wenn ich mich intensiv in ein Musikstück versenke, kann ich am Schluß nie sagen, wie lange es gedauert hat.
Mit diesem vorangehenden Satz habe ich musikalisches Empfinden in Sprache übersetzt. Der vorangehende Satz ist selbst keine Musik, aber das will er auch nicht sein.
Der Satz hat nur ein für sich selbst stehendes Gefühl in einen Weltzusammenhang gebracht. Dies ist die Aufgabe der Rezension und der Kritik. Es gibt schlechte Rezensenten und es gibt miserable Kritiker. Aber es gibt eben auch gute Rezensenten und brillante Kritiker.
Wir leben ohnehin in einer Metawelt, die das direkte Empfinden abschwächt. Wir kennen diese Welt nur durch die selektiv entstellenden Nachrichten. Im Grunde ist das Essay von Georg Steiner auch als ein Plädoyer für die Abschaffung der Nachrichten zu verstehen.
Auch der Rezensent gestaltet diese Welt, ebenso wie der Journalist, der Nachrichten sortiert und in eine Form bringt, die verständlich ist. Die wenigsten von uns sprechen russisch. Aber durch die Nachrichten wissen wir, wer in Russland regiert und es gilt als peinliche Bildungslücke, wenn man es nicht weiß. Der Übersetzer hat dem Journalisten gesagt, wer da gerade was spricht. Der Journalist nimmt davon den seiner Ansicht nach wichtigsten Teil und setzt dies als Nachricht in die Welt. Wir nehmen diese Nachricht auf, selektieren sie erneut und besprechen dieses mehrfach selektierte Wissen mit unseren Freunden. Eine Metawelt zweiter, dritter Ordnung ist geschaffen worden. Der Rezensent bespricht ein musikalisches Stück. Er ist Fachmann und es ist ihm aufgefallen, daß der Musiker eine eigene Interpretation von dem Stück Cherokee brachte, die der Musiker nach Meinung des Rezensenten einer anderen Interpretation von Charlie Parker entnommen hat. Was wissen wir über die Musik, die eben gespielt wurde? Oder anders gefragt: Hört sich das Stück nachdem wir das wissen, anders an? Ja und nein. Vertrauen wir der Kompetenz des Rezensenten und nehmen wir an, er hat mit seiner Analyse recht. Jetzt wissen wir also, daß der Musiker sich eines ganz bestimmten Musikstücks bedient hat. Wir können nun hergehen und uns dank der Musikindustrie das Stück Cherokee von Parker anhören und vergleichen. Was hat der Musiker gemacht? Wie hat er es gemacht? Wir bekommen jetzt ein erhöhtes Verständnis für diese Musik, nehmen teil an der Welt des Musikers. Damit wurde unser musikalisches Empfinden intellektualisiert. Ist unser musikalisches Empfinden abgeschwächt? Nein. Wir hören jetzt selbst in dem Stück das Metastück Cherokee heraus, wir haben unser Gehör geschärft und vor allem haben wir uns durch den Rezensenten angeregt gefühlt ein weiteres Musikstück anzuhören.
Dies vor allem ist eine besondere Nebenwirkung der Rezension und der Kritik. Sie organisiert unser intellektuelles Weltgebäude mit und verführt uns zur Aufnahme von Kunst. Sprache kann also unser Verständnis für Musik erhöhen und unser Empfinden für Musik gestalterisch beeinflussen. Sprache ist hier nicht Musik, beeinflußt unser Musikempfinden nicht unmittelbar. Aber der mittelbare Einfluß entsteht, wenn wir uns auf die Sprache einlassen dadurch, daß wir uns so gleichzeitig auf die Musik einlassen und nicht zum bloßen Konsumenten werden. Sprache macht Musik hörbar, indem sie von ihr kündet. Ähnlich funktioniert dies mit Bildern und ähnlich in der darstellenden Kunst des Theaters.
Rezensenten und Kritiker setzen sich aus. Sie sind sicher keine großen Dichter und sicher keine großen Musiker. Es ist auch nicht ihre Aufgabe. Sie sitzen zwischen den Stühlen und das ist ja bekanntlich immer unbequem. Mitleid ist nicht angebracht, denn sie müssen das ja nicht tun. Aber auch ein Dichter muß sich nicht hinsetzen und ein Sonett dichten. Wozu? Es gibt genug. Ein Menschenleben reicht nie und nimmer aus, sie alle zu lesen.
Es ist völlig müßig, über die Existenzberechtigung von Rezensenten und Kritikern zu philosophieren. Sie existieren und damit basta. Es gibt Rezensenten oder Kritiker die unsere Welt bereichern und es gibt auch solche, denen man das Sprachzentrum im Gehirn (sofern es überhaupt vorhanden ist) wegoperieren sollte. Es gibt aber auch Dichter die einen ästhethisch leiden lassen und Musiker, die besser Rezensenten hätten werden sollen. Über Geschmack läßt sich nicht streiten. Entweder man hat ihn oder man hat ihn nicht.
Unsere Welt ist ohnehin von Anfang an eine Fußnotenwelt, weil das Original (Adam und Eva) schon eine Interpretation und die Bibel nichts als eine große Fußnote ist.
Abschließend verstehe ich Herrn Steiner schon und denke zumindest, daß Sprache wie das Geld durch Inflation entwertet wird.
Ein wenig Zurückhaltung macht sicher Sinn. Wer macht den Anfang?