Neue Zürcher Zeitung
Gianluigi Melega sublimiert literarisch
Ein Schweizer Romanheld muss unter der Enge seiner Heimat leiden und an den Ketten ihrer Biederkeit zerren diesem erzählerischen Naturgesetz kann sich offensichtlich auch ein ausländischer Autor nicht entziehen. Wenn die vom Italiener Gianluigi Melega geschaffene Figur des Major Aebi dennoch nicht in das helvetische Literaturkabinett zermürbter bürgerlicher Intellektueller auf Identitätssuche passt, liegt dies an ihrer überschäumenden erotischen Vitalität. Zwar trägt auch Major Aebi die biographischen und existentiellen Male, welche die Igelrepublik ihren Söhnen und Töchtern, zumal in der Literatur, so gerne einbrennt: berufliche Karriere, langjährige Ehe, Wohlstand, Geruhsamkeit, alltägliche Langeweile. Erst der überraschende Tod seiner Frau und das riesige Erbe ermöglichen dem angejahrten Major ein Leben im Einklang mit seinem «einzigen Daseinsgrund»: die Verwirklichung sexueller Phantasien, die «fortschreitenden Übertretungen» der Verbote, welche die Gesellschaft dem Eros auferlegt. Wegen seiner Ausschweifungen verurteilt, schreibt Aebi im Gefängnis einen autobiographischen Roman über seine Abenteuer zum Entsetzen des Gefängnisdirektors, der im Akt des Schreibens den Versuch sieht, das eigene Verhalten zum «Modell existentieller Sublimierung» zu erheben.
Das Thema von Gianluigi Melegas Roman «Von den fortschreitenden Übertretungen des Major Aebi» ist damit nicht nur die Selbstfindung eines Individuums im Widerspruch zu den Prinzipien der Gesellschaft, sondern auch das Verhältnis zwischen Literatur und Leben. Im Leben erkennt Aebi, dass die im Hier und Jetzt erfahrenen Empfindungen das einzig Authentische sind, während «das Streben nach Unsterblichkeit auf dem Weg der Kunst, der Politik, der Religion, der Tugend ein Placebo für Geister ist, die sich von der Realität zu sehr haben einschüchtern lassen, um ihr ins Gesicht zu sehen». Aebis Haltung zum eigenen Schreiben entwickelt sich ähnlich. Während er zunächst auf die Veröffentlichung seines Werkes drängt, genügt ihm am Ende die selbstbezogene Erinnerung, die das Schreiben mit sich bringt. Leben und Literatur haben für ihn keinen exemplarischen, sondern bestenfalls einen ästhetisch-erotischen Wert.
Gianluigi Melegas Roman ist ebenso geistreich wie unterhaltsam. Er besticht durch seine stilistische Eleganz und seine kühne Unverblümtheit, durch seine nuancenreiche, leicht überzeichnete Hauptfigur und die spielerische Verknüpfung zwischen erotischer Erzählung und philosophisch-literaturtheoretischer Spekulation.
Sandro Benini
Pressestimmen
Kurzbeschreibung
"Die differenzierten Überlegungen hinter der Geschichte, der anscheinend spielerisch gewählte Erzählton, einmal hoch angesiedelt, dann wieder fortschreibend, der intellektuelle Anspruch einerseits und der leserfreundliche Fluß der Geschichte andererseits, sie sind mit Einfühlsamkeit und großem Geschick gemeistert." Cesare Garboli, La Repubblica