Unterm Adventskranz
Laura Wacos Autobiographie
David Grossman hat Massstäbe gesetzt für die Literatur der Nachgeborenen von Holocaust-Opfern. Sprachlich beeindruckend brachte er den tiefen Abgrund zu Bewusstsein, der die Überlebenden des Holocaust von ihren nach dem Krieg geborenen Kindern trennt. Auch Laura Wacos Buch, «Von Zuhause wird nichts erzählt», kreist um diesen Konflikt. Die Eltern der Autorin sind polnische Juden, die Mutter überlebte Bergen-Belsen, der Vater Dachau. Dennoch blieben sie nach der Befreiung in Deutschland. Laura Waco wurde 1947 in Freising geboren und erlebte eine typische bayrische Kindheit der Nachkriegszeit. Ihre jüdische Herkunft scheint sie als eine Art Irritation empfunden zu haben, als eine Verhinderung der gewünschten Normalität.
Irritierend ist auch das Buch, das sie geschrieben hat. «Von Zuhause wird nichts erzählt» ist eine Autobiographie ohne jede literarische Bedeutung. Und doch hat sie Gewicht: kraft ihres Gegenstands. Unvermittelt ist der Kontrast zwischen der absurden Banalität der erinnerten Kindheit und der unaussprechlichen Erfahrung der Eltern, der sie keine Form zu geben vermögen. Der allgegenwärtige Verweis auf «das Lager», den die Mutter im Munde führt, verliert seinen Sinn und wird zu einer jener stereotypen Ermahnungen, mit denen Eltern ihre Kinder nerven. Während die kindlichen Alter egos des 1954 in Jerusalem geborenen David Grossman hinter die Geheimnisse der Erwachsenen kommen wollen und wissen möchten, was eine «Nazi-Bestie» ist, was «Lager» bedeutet , führt das elterliche Raunen bei der kleinen Laura zur Abwehr. Grossmans Romane («Stichwort: Liebe», 1991, «Der Kindheitserfinder», 1994, «Zickzackkind», 1996) sind phantasievoller, aufregender, literarisch interessanter. Die Autobiographie Laura Wacos aber informiert uns über etwas, das sonst leicht übersehen wird: dass es auch einen Kleinbürger jüdischen Glaubens gibt.
Laura ist die älteste von drei Schwestern. Die Eltern führen ein Restaurant in Freising und für kurze Zeit noch ein weiteres in München. Ständig sind sie überarbeitet. Sie kommen fast nur zum Schlafen nach Hause (wechselnde Dienstmädchen versorgen Haushalt und Kinder). Den Töchtern begegnen sie mit drakonischen Erziehungsmassnahmen. Die Fürsorge des Vaters artikuliert sich in der Manie, die Mädchen ständig zu irgendeinem Spezialisten zu schleppen, einmal sind orthopädische Schuhe fällig, dann werden vorsorglich die Mandeln entfernt. Nur bei Friede, der Jüngsten, wird alles heruntergespielt, bis sie schliesslich, wegen Zwangsneurosen und Verfolgungswahn, in psychiatrische Behandlung kommt. «Immer aufregen, immer schreien, immer schlagen, so erzieht man doch kein Kind», wirft Laura Waco ihren Eltern vor.
Eingebettet in das Zeitkolorit der fünfziger/ sechziger Jahre die kratzenden Bleylekleider, die «Ami-Fräuleins», die «Ostzonen»-Flüchtlinge, der Eichmann-Prozess, der Mauerbau, der Tod Marilyn Monroes, die Ermordung Kennedys , erfährt Laura ihr Judentum als etwas, das sie besondert und ausgrenzt. Laura liebt die christlichen Riten und ist überglücklich, wenn sie daran teilhaben darf: «Was Schöneres, als unter dem Adventskranz zu stehen und zweistimmige Lieder zu singen, gibt es für mich nicht auf der ganzen Welt.» Erst als sie mit ihrer Klasse nach Dachau fährt und merkt, dass die anderen das für einen gewöhnlichen Ausflug halten, erkennt sie den Unterschied, auf dem ihre Eltern bestehen.
Obwohl sie Deutschland als ihr «Geburts- und Heimatland» empfindet, sitzt Laura eines Tages in einer Swissair-Maschine und ist bereit, dem Wunsch ihrer Eltern zu entsprechen. Sie wandert nach Kanada aus und wird sich einen jüdischen Ehemann suchen. Seit 1968 ist Laura Waco verheiratet und lebt in Kalifornien, einem «Land, das niemals meine Heimat sein wird».
Meike Fessmann