In Großbritannien wird das Mittelalter traditionell mit der Zeit von 450 - 1485 angegeben (von der Zeit der Angelsachsen bis zur Schlacht von Bosforth, dem Ende der Rosenkriege). Diese Zeit ist in Großbritannien ähnlich verwirrend wie im "Römischen Reich deutscher Nation" - es herrscht ein ständiger Kampf um die Krone, Herrschaftshäuser entstehen und ringen miteinander um die Macht, England liegt im endlosen Clinch mit Schottland und Frankreich.
Der Autorin gelingt in diesem Buch ein Wunder: sie schafft es, die umfangreichen verwandtschaftlichen Beziehungen und abgesprochenen Bündnisse so gut strukturiert wiederzugeben, dass der Leser tatsächlich den Überblick behält und plötzlich ein Verständnis für die "innere Logik" der geschichtlichen Ereignisse entwickelt. Daran, ich erinnere mich gut, ist vor Jahren meine damalige Dozentin für englische Geschichte trotz besten Bemühungen gescheitert: der Großteil des Kurses musste nach den Vorlesungen selbst recherchieren, um etwas Licht in die verworrenen Verhältnisse zu bringen. Gablé dagegen schafft es mühelos, auch einem Laien verständlich zu machen, warum z.B. William the Conquerer einen Anspruch auf den Thron hatte und wie der Zwist zwischen King Stephen und Empress Maude entstand und ablief.
Persönlich habe ich in dem Buch keine falschen Fakten gefunden (beim Vergleich mit mir vorliegenden Geschichtswerken und wikipedia.en). Natürlich ist dies in erster Linie ein populärwissenschaftliches, kein akademisches Buch. Im Sinne der Unterhaltung bewertet Gablé recht flapsig Personen und Ereignisse, damit steht sie in der Tradition unterhaltsamer Geschichtsschreiber wie Joachim Fernau. Und natürlich ist das Buch durch die eigene Meinung der Autorin geprägt, woraus sie jedoch auch keinen Hehl macht, es wird nie vom Leser verlangt, alles Gesagte als die einzige "Wahrheit" zu verstehen, wie es oft bei unseriösen Pseudowissenschaftlern der Fall ist. Wenn die Autorin einen König als "echten Schurkenkönig" bezeichnet oder eine junge Dame als "lasterhafte Mätresse", so ist das auch oft ein ironisches Spiel mit den ohnehin schon verbreiteten Klischees über diese Person, die so einfach auf den Punkt gebracht werden.
Unbedingt lesenswert für Freunde angelsächsischer Historienromane und Mittelalter-Interessierte. Für erstere bietet sich als Folgelektüre Tanja Kinkels "Die Löwin von Aquitanien" an (hier erfährt man mehr über das Leben der "Skandalnudel" Eleonore von Aquitanien), für letztere Michael Maurers "Kleine Geschichte Englands".