Der Autor Bernhard Bueb ist deutscher Theologe und Pädagoge, leitete 30 Jahre die vornehme Internatsschule in Schloss Salem und ist einer der bekanntesten Kritiker des deutschen Erziehungswesens. Mit seinem Buch "Lob der Disziplin", das zum Bestseller wurde, löste er vor einigen Jahren eine erregte Debatte über Erziehung und Bildung aus. Das Buch pries, das Adjektiv sei erlaubt "autoritär", Ordnung und strikten Gehorsam als wesentliche Eigenschaften auf ihrem Weg zur Eigenverantwortlichkeit. Den überwältigenden Erfolg machten die von der "schwarzen Pädagogik" ausgehenden totalitären Tendenzen als Provokation perfekt. Nun ist sein zweites Buch im gleichen provokativen Argot erschienen, betitelt Von der Pflicht zu führen. "Neun Gebote der Bildung"; der Titel täuscht, denn Bueb verzichtet eigentlich hier im Wesentlichen auf Provokantes.
Die erste wenig gelungene Hälfte des Buches kreist um die Bildung individueller Eleven. Dort vertritt Bueb auf etwa 30 Seiten sein konservatives Weltbild zum Thema Bildung. Es geht nicht ohne Führung und den von Wirtschaft, Politik und Eltern forcierten Wechsel von einer wissenschaftlichen Grundauffassung zu einer anderen beklagt Bueb mit Recht. Aber dann ist dieses Thema nach diesen wenigen Seiten abgehakt.
Im zweiten Teil merkt man Bueb seine in Salem gewonnenen Erfahrungen an, in diesem wesentlich besser geschriebenen Segment geht es präzise nach Klappentext um "Ausgebrannte Lehrer",- wobei sein populistischer Generalverdacht, der des faulen Lehrers immer wieder untergründig mitschwingt,- "gelangweilte Schüler und gleichgültige Eltern". Er hält ein engagiertes Plädoyer für ein radikales Umdenken in Erziehung und Bildung, bemängelt die Bildungsmisere, die im Wesentlichen durch fehlende notwendige Reformen und fehlende Führung gekennzeichnet ist. Bueb ist sich der rhetorischen Sprengkraft, die dem Begriff "Führung" und "Befehligung" inne wohnt sehr wohl bewusst, bespricht in diesem Teil Möglichkeiten der Schulentwicklung, bei der Disziplin und Autorität im Forderungskatalog an exponierter Stelle stehen und er geht auf Probleme der Schulleitung ein, entwirft ein Modell wie man eine Schule gut führen kann. Geführt werden zu wollen gehört nach seiner Meinung zur Natur des Menschen, denn aus dem Blickwinkel der Anthropologie ist der Mensch ein "Herdentier". Den Lehrer, der zentraler Bezugspunkt des Buches ist, hat er somit sofort da, wo er ihn gern hinhaben möchte, nämlich in der Rolle des Führenden. Nach seiner festen Überzeugung darf er sich durchaus in der Rolle des "absoluten Königs" sehen und die Rolle wie geführt wird, in der Kindererziehung oder auch später in der Welt der Erwachsenen das bestimmt, auch davon ist er überzeugt, unser Leben.
Hauptthema in beiden bisher veröffentlichen Büchern ist die These, dass wir heute scheinbar den Willen verloren haben Führungsanspruch zu übernehmen und meinen uns auf Augenhöhe begegnen zu können, meinen die besten Kumpel zu sein, ob Schüler oder Kind. Diese Auffassung hält Bueb für einen groben Irrweg. Wenn man mit dem Gedanken Gleichheit kokettiert, dann muss man nach Sichtweise des Autors attestieren, das es Kinder und Erwachsene gibt und das ein Erwachsener ein anderer Mensch ist als ein Kind. Und in diesem Kontext geht seine Botschaft an die Erwachsenen, sie mögen sich dazu bekennen, dass sie älter sind, dass sie mehr Macht haben, dass sie eine Verantwortung haben, dass sie erziehen müssen. Mit dieser Führung sollen die jungen Menschen in erster Linie in ihrem Selbstwertgefühl und in ihrer Orientierung gestärkt werden. Dabei muss der "Führende" konsequent sein, Mut haben, herausfordern, Aufgaben abfordern, an denen die jungen Menschen wachsen können.
Bei der Kindererziehung macht Bueb keinen Unterschied zwischen Vater und Mutter, beide müssen Autorität haben, beide müssen aber auch als Erwachsene Vorbildfunktionen erfüllen, dabei sind Verlässlichkeit, Gerechtigkeit und Erfüllung der Schutzfunktion Voraussetzung. Die wirklich größte Veränderung die die Familie in den letzten Jahren erfahren hat ist die Stellung des Kindes, nicht die des Vaters oder die der Mutter. Einerseits sieht Bueb die größten Defizite der Väter nach wie vor, in dem Mangel an Zeit, die sie für die Kinder haben, andererseits beklagt er wiederholt, dass die Erwachsenen eigentlich gar nicht Erwachsen sind, und dass sich insbesondere in bildungsfernen Schichten die Väter aus der Erziehung heraushalten.
Fazit: Der Titel des Buches ist großartig gewählt, mit zwei Reizwörtern auf die man unterschiedlich reagieren kann. Wie man auch darüber denken mag, wichtig und entscheidend ist, dass Bücher eine gesellschaftliche Diskussion anstoßen. Das ist dem Autor mit dieser Frage, was in der Erziehung falsch läuft und was nicht sicherlich gelungen. Kritisches muss aber auch angemerkt werden, einerseits frappieren viele Widersprüche in den Konnotationen, andererseits erregen die überbordenden Redundanzen Unmut, denn wir haben als Leser ja eine biologische Verfallzeit. Weniger ist oft mehr.