In einem Londoner Buchladen gab es eine nette Aktion: Kauf ein Buch und zahl für ein zweites bloß ein Pfund. Ich hatte ein anderes Buch im Auge, wollte die Aktion aber wahrnehmen und bemerkte das wunderschöne britische Cover mit dem Eiffelturm darauf. Und in meinem Kopf setzte das rationale Denken aus und eine kleine Stimme begann zu schreien: Paris, Paris, Paris! Aber zu meiner Verteidigung: Es ist so selten geworden, dass diese Art von Roman nicht in den USA spielt und ich liebe Paris so sehr. Und an sich klang die Geschichte auch nach einer netten Romanze für zwischendurch. Ich erwartete mir viel Pariser Flair, ein bisschen Romantik und eine spannende Geschichte um die Revenants - die Untoten. Aber Himmel, lag ich falsch.
Ich habe relativ bald bemerkt, dass ich das eine Pfund vielleicht besser in eine Eiswaffel investiert hätte. Denn obwohl "Von der Nacht verzaubert" nicht in den USA spielt, ist auch vom Pariser Flair nicht viel zu spüren. Zum einen Mal sind Katie und ihre Schwester Amerikanerinnen, die nach dem Tod ihrer Eltern nach Paris kommen. Daran ist nichts Verwerfliches. Aber wieso erzählt mir die Autorin dann lang und breit, dass Katie und Georgia perfekt Französisch sprechen, Paris wie ihre Westentasche kennen und sich in der Stadt niemals verlaufen? Wenn das alles so ist, wieso traut man sich als amerikanische Autorin dann nicht, seine Heldinnen gleich zu Französinnen zu machen? Geht dann der Identifikationsfaktor verloren? Können sich amerikanische Leserinnen etwa bloß mit amerikanischen Figuren identifizieren? Fand ich merkwürdig und oben drauf unstimmig. Eine Cathérine hätte mir im Pariser Setting viel besser gefallen als eine Katie. Aber gut.
Das wäre noch nicht einmal so schlimm gewesen, wenn ich mich wirklich wie in Paris gefühlt hätte. Tat ich aber leider nicht. Das Paris, das Amy Plum hier zeichnet, ist das romantische Paris aus den Hochglanzbroschüren verschiedener Reisebüros. Wir bekommen die Seine, romantische kleine Cafés, Kunstmuseen und von Katie die Beschreibung "that old Paris charme". Was bitte ist "that old Paris charme"? Ich kann mir vorstellen, dass sie die schmiedeisernen Balkone meint, die Boulevards und Häuser aus der Haussmannschen Zeit und das etwas charmant Abgerissene. Aber mit solchen Beschreibungen kann ich mir Paris nicht vorstellen, wenn ich noch nie da war. Auch, dass ein Zimmer aussieht wie aus dem achtzehnten Jahrhundert hilft nicht viel weiter. Wieso beschreibt sie nicht einfach, was sie meint?
Mir wäre es wirklich lieb gewesen, Amy Plum wäre unter die Oberfläche gegangen, hätte die bunten Reiseführer zuhause gelassen und mir das echte Paris gezeigt, kein Klischeebild, das Heldin Katie wirken lässt, als würde sie sich bloß in den Touristenvierteln herumtreiben. Dazu kommt noch, dass einige Dinge schlichtweg falsch sind. So beschreibt Katie die Pariser Metro als sehr still und leise und niemand würde dort reden. Da habe ich mich wirklich gefragt, ob Frau Plum schon einmal in Paris war. Oder überhaupt Metro gefahren ist. Die Metro ist genauso laut wie alle anderen U-Bahnen: Touristen reden in verschiedenen Sprachen durcheinander, Pariser quatschen über die Arbeit und es ist meistens wahnsinnig voll. Nur still ist es nicht. Das fand ich schon schade.
Und dann ist da Katie. Ich-Erzählerin Katie stellt sich selbst als cleveren Bücherwurm dar und behauptet, auch an Kunst sehr interessiert zu sein. Sie erzählt das alles, aber bemerkt habe ich es nicht. Zwar geht sie auch in Kunstsammlungen, aber irgendetwas daran, dass ich alles nur erzählt bekomme und kaum gezeigt hindert mich daran, ihr zu glauben. Und, dass sie sobald Vincent auftaucht zusammenschmilzt wie Schokolade in der Sonne hat nun auch nicht geholfen. Vincent ist an sich ein netter Junge, was mich überrascht hat. Er ist ein Untoter, aber kein typischer YA-Held, sondern ein bisschen unsicher und tollpatschig und alles in allem sehr sympathisch. Ich wünschte immer noch, Vincent hätte in einem anderen Buch mit einer anderen Heldin eine Rolle spielen dürfen.
Katie hingegen? Erzählt mir alle drei Minuten, wie außerordentlich schön Vincent doch ist. Dass sich im Café alle weiblichen Wesen die Hälse nach ihm verrenken, weil er so engelsgleich schön ist. (Das steht da wirklich so, es ist keine Übertreibung.) Ich habe dann auch nach dem ersten Mal verstanden, dass Vincent wirklich sehr gut aussieht, aber Katie scheint zu glauben, ich wäre sehr vergesslich, denn sie wiederholt es extra auf jeder Seite nochmal für mich. Wie lieb von ihr. Bis ich im Zug das Bedürfnis hatte laut zu schreien und das Dummbuch aus dem Fenster zu werfen, weil ich mir zum xten Mal anhören musste, wie toll doch Vincent ist.
Dass Katie sich nur deshalb in ihn verliebt, gibt der Romanze dann den Todesstoß. Charakter? Muss ich nicht kennen, er ist doch so schön! Von einem Moment auf den anderen hat sie sich selbst vergessen, denkt bloß noch an ihn und kennt ihn dabei eigentlich gar nicht. Ich finde das nicht romantisch sondern unrealistisch und es ging mir auch ziemlich auf die Nerven. Es ist eben wieder die typische "Ewige Liebe nach einmal sehen", was nicht so schlimm gewesen wäre, wenn es mich wenigstens überzeugt hätte. Passt so aber perfekt in das Klischee-Paris, dieses Klischee-Pärchen, das muss man schon sagen. Dabei ist es eben wirklich schade um Vincent, der gar kein Abziehbild ist, sondern mich als Figur abseits von Katie wirklich überzeugt hat.
Das einzige, das ich an Katie mochte war, dass sie erstaunlich wenig jammert und mehr selbst tut. Sie kann sich wehren, sie kann kämpfen und sie kann austeilen. Sie ist nicht darauf angewiesen, dass Vincent sie ständig rettet und sie setzt auch mal Puzzlestücke zusammen, ohne, dass ihr jemand dabei helfen muss. Katie ist, wenn sie will, also schon eine recht starke Heldin. Die Betonung liegt auf: Wenn sie will und nicht gerade dabei ist, zu einer Pfütze zu zerschmelzen, weil Vincent doch so engelsgleich... ach, ihr wisst schon. Leider macht sie sich wieder unbeliebt, indem sie immer wieder betont, wie hässlich sie sich findet, obwohl andere ihr sagen, dass sie hübsch ist. Wieso machen so viele YA-Heldinnen das? Sind die alle doof? Nichts ist unattraktiver als Heldinnen, die sich selbst immer wieder klein machen, obwohl sie überhaupt keinen Grund dafür haben.
Dass ich bisher nichts über die eigentliche Geschichte geschrieben habe, kommt nicht von irgendwo. Denn es gibt kaum eine Geschichte. Fangen wir damit an: Amy Plum hat auf ihrer Internetseite ziemlich deutlich gesagt, dass sie sich von Twilight hat inspirieren lassen. Möchte man das plump ausdrücken, könnte man sagen: "Von der Nacht verzaubert" ist Twilight in Paris, aber ohne das Bluttrinken. Es gibt die Revenants um Vincent, die in einem teuren Haus zusammen in einem guten Pariser Viertel leben. Das sind die guten Revenants. Es gibt aber auch böse Revenants, die es selbstverständlich auch auf Katie abgesehen haben. Es gibt Parallelen zwischen einzelnen Figuren, aber ich fand das an sich nicht so schlimm. Die Handlung kam auch relativ gut in Fahrt, hatte sogar etwas leicht Morbides, das wiederrum gut zu Paris gepasst hätte ... doch dann schwenkte der Fokus auf die Liebesgeschichte um und alles ging den Bach herunter. Spannung? Nein. Eine mitreißende Handlung? Auch nicht. Viel Kitsch, Pathos, Liebesschwüre? Ja, das hätten wir da. Soll ichŽs Ihnen einpacken?
Was bleibt ist Vincent, der mir ganz gut gefallen hat und den ich gern in einem anderen Buch gesehen hätte, und Katies Fähigkeit, sich selbst zu verteidigen. Ein kleiner Schimmer einer guten Idee und einer guten Handlung. Aber das warŽs. Ich finde es traurig, da ich das Gefühl habe, hier verbirgt sich eine eigentlich schöne Geschichte, doch leider ist diese unter einer kitschigen und unglaubwürdigen Liebesgeschichte und einem Haufen Klischebilder von Paris begraben. Die Heldin ist an sich auch nicht wirklich sympathisch und die Nebenfiguren waren so uninteressant, das ich ihre Namen bereits wieder vergessen habe. Ich behalte das Buch, weil es im Regal wirklich schön aussieht, aber den zweiten Teil "Until I Die" werde ich nicht lesen.
Ich möchte das Buch eigentlich niemandem empfehlen, ahne aber, dass es Fans von Twilight als Lesespaß für Zwischendurch gut gefallen könnte. Für mich war es leider zu viel des Guten und ich musste mich einfach viel zu oft über Katie und dieses blasse Abbild von Paris ärgern, als dass ich den Roman noch als wenigstens unterhaltsam einordnen könnte. Von daher gibt es nur zwei Sterne von mir. Einen für die Mühe, überhaupt ein Buch zu schreiben (das verdient meistens Respekt) und einen für Vincent und die eigentlich schöne Idee, die unter viel Unsinn verschütt gegangen ist.