In der modernen Medienwelt ordnet sich das Meiste dem Gebot der Aktualität unter, das nach möglichst knappen Informationstexten verlangt. Da bleibt in den Printmedien im deutschen Sprachraum nur noch wenig Raum für längere Reportagen, auch wenn es sie hin und wieder durchaus noch gibt. In unserem Nachbarland dagegen hat sich, wie der Herausgeber Martin Pollack ("Von Minsk nach Manhattan") in seinem informativen Vorwort aufzeigt, seit Jahrzehnten in Gefolge von Hanna Krall und Ryszard Kapúscinski eine großartige Reportagekunst entwickelt. In der überregionalen Tageszeitung "Gazeta Wyborcza" und ihren Beilagen erscheinen z. B. jährlich an die 300 (!) Reportagen.
Elf aus den Jahren 1992 - 2005 hat Pollack ausgewählt und übersetzen lassen. Themen z.B.: Leoncin, der Geburtsort des Literaturnobelpreisträgers Issac B. Singer, weigert sich, seinen 100. Geburtstag zu würdigen; auch 50 Jahre reichen zur Versöhnung zwischen Polen und Ukrainern nicht aus; ein Zigeuner bricht auf, um nach seinen Ursprüngen zu suchen; so mancher naive deutsche Mann gerät in die Fänge von hübschen Polinnen; mörderische Geschäftspraktiken in Lodz - Ärzte und Rettungssanitäter kungeln mit Bestattungsunternehmern... -
fürwahr: ein interessantes, spannendes Reportagebuch.
Nachbemerkung: Rüffel an den für das Buch zuständigen Verlagslektor - es sind elf, nicht, wie annonciert, zehn Texte (vgl. Umschlag).