Der Humanismus wird von seinen Vertretern als Höhepunkt der geistigen Entwicklung der Menschheit gefeiert. Zudem gilt er ihnen als eine Position, die sich zwangsläufig aus dem kritischen Gebrauch der Vernunft ergeben müsse. Nach Einschätzung des englischen Philosophen John Gray ist er hingegen das Endstadium der europäischen Religionsgeschichte. In dieser Eigenschaft, so betont Gray, trage der Humanismus die Hauptverantwortung für die politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts und stelle eine der größten Gefahren der Zukunft dar.
In der Regel sind Humanisten davon überzeugt, mit der modernen Wissenschaft im Einklang zu stehen. Deren Versuch, sämtliche Phänomene der Wirklichkeit auf natürliche Ursachen zurückzuführen, scheint unweigerlich in eine Haltung zu münden, die ihrem Weltverständnis nach naturalistisch, ihrer normativen Orientierung nach humanistisch ist.
Gray zufolge zeigt sich bei genauer Betrachtung indessen, dass der Humanismus noch weniger mit der Wissenschaft zu vereinbaren ist als das Christentum. Seit dem 19. Jahrhundert habe die Forschung zahlreiche Erkenntnisse zusammengetragen, die demonstrierten, wie eng der Mensch in die Natur eingebunden sei und wie wenig er sich von seinen tierischen Verwandten unterscheide. Von Darwin wüssten wir, dass die Menschheit durch Evolution entstand, von der Zoologie, dass Denken und Bewusstsein bei Tieren weitverbreitet sind, von der modernen Psychologie, dass beides in unserem eigenen Leben kaum zählt, von der Hirnforschung, dass wir vermutlich weder ein "Ich" noch einen freien Willen besitzen.
Damit sei der Naturalismus dem Humanismus in allen wesentlichen Punkten entgegengesetzt. Während der Naturalismus den Menschen zu einem belanglosen Zufallsprodukt der Evolution mache, stelle der Humanismus ihn in den Mittelpunkt der Welt. Während der Naturalismus den freien Willen in Frage stelle, mache der Humanismus ihn zum Kern seines Menschenbildes. Während der Naturalismus die Bedeutung der Vernunft relativiere, erhoffe der Humanismus sich wahre Wunder von ihr. Während der Naturalismus das Leben als sinnlosen Wechsel von Freude und Leid ansehe, fordere der Humanismus uns auf, an den Fortschritt zu glauben.
Diese Gegensätze machen für Gray deutlich, dass der Humanismus nicht aus der Wissenschaft entstanden sein kann. Seine geistigen Wurzeln seien vielmehr im Christentum zu finden. "Der Humanismus ist keine Wissenschaft. Der Humanismus ist eine Religion. Er ist ein postchristlicher Glaube daran, dass wir eine Welt aufbauen können, die besser ist als jede, in der Menschen bislang gelebt haben. Im vorchristlichen Europa ging man ganz selbstverständlich davon aus, die Zukunft werde wie die Vergangenheit sein. Es mochte zwar neue Erkenntnisse und Erfindungen geben, aber an den Grundlagen ethischen Handelns würde sich im Wesentlichen nichts ändern. Die Geschichte des Menschen betrachtete man als eine Abfolge von Zyklen, der kein allumfassender Sinn innewohnt. Die Christen dagegen fassten die Menschheitsgeschichte im Sinne einer Erzählung von Sünde und Erlösung auf. Der Humanismus überführt diese christliche Erlösungsdoktrin in das Projekt, die gesamte Menschheit zu emanzipieren. Die Idee des Fortschritts ist der ins Säkulare gewendete christliche Glaube an die Vorsehung" (S. 13).
Wer das Christentum wirklich überwinden wolle, müsse, so schließt Gray, die humanistischen Illusionen aufgeben.
Dazu gehöre die Überzeugung, die objektive Bedeutungslosigkeit des Lebens lasse sich durch menschliche Sinnstiftungen wirksam kompensieren. Der Erfahrung von Leid, Schmerz und Tod seien solche Bemühungen in der Regel nämlich nicht gewachsen. "Am schlimmsten ist das Leben eines Menschen nicht, wenn es tragisch, sondern wenn es ohne Bedeutung ist. Die Seele ist gebrochen, doch das Leben schleppt sich weiter hin. ... Was bleibt, ist nur Leid. Der tiefste Schmerz ist nicht in Worte zu fassen" (S. 115).
Darüber hinaus gelte es sich von der Vorstellung zu lösen, es gebe eine dem Menschen angemessene Lebensform. Für ein zwiespältiges und innerlich zerrissenes Wesen sei dies eine Unmöglichkeit. "Wir sehnen uns nach Sicherheit, sind aber schnell gelangweilt; wir lieben den Frieden, neigen aber zur Gewalttätigkeit; wir haben eine Schwäche fürs Denken, hassen und fürchten aber die Verunsicherung, die es auslöst. Es gibt keine Lebensweise, die alle diese widersprüchlichen Bedürfnisse befriedigen könnte" (S. 131).
Unumgänglich sei auch der Verzicht auf den Gedanken, die Vernunft könne uns in ethischen Fragen zuverlässig leiten. "Heute liegt für jeden auf der Hand, dass Ungleichheit schlecht ist; vor einem Jahrhundert war allen klar, dass homosexuelle Liebe schlecht ist. Ansichten zu Fragen der Moral sind nicht nur mit starken Emotionen verknüpft, sondern auch oberflächlich und in höchstem Maße zeitgebunden. ... Sobald das Meinungsklima sich ändert, wird der heutige egalitäre Konsens einem neuen Dogma weichen, und man wird wieder genauso überzeugt sein, dass es die unwandelbare moralische Wahrheit verkörpert. ... Gerechtigkeitsideen sind so zeitlos wie die Hutmode" (S. 117).
Vor allem aber müsse der Fortschrittsglaube verabschiedet werden. Der wissenschaftlich-technische Fortschritt sei zwar real, aber ethisch bedeutungslos. Er schaffe ebenso viele Probleme wie er löse.
Der moralische und politische Fortschritt dagegen sei ein Wunschtraum. Die Geschichte zeige, dass es auf diesen Gebieten nicht zu dauerhaften Veränderungen komme. "Zweifellos wird es in der Zukunft freiheitliche Gesellschaften geben, so wie es sie in der Vergangenheit schon gab. Sie werden aber selten vorkommen, und üblich werden weiterhin Spielarten von Anarchie und Diktatur sein" (S. 137).
Gerade diese letzte, scheinbar stärkste Zumutung, betrachtet Gray als einen Segen, habe der Fortschrittsglaube ja nicht allein den Kommunismus, sondern auch den Nationalsozialismus hervorgebracht und der Welt damit unermessliches Leid bereitet. Hitlers Vorstellung, die Menschheit mit wissenschaftlichen Methoden läutern und durch Eugenik in eine strahlende Zukunft führen zu können, sei eine direkte Anknüpfung an das Denken der Aufklärung gewesen (S. 108).
Gray hofft nicht darauf, die Mehrzahl der Zeitgenossen für einen nüchternen Realismus gewinnen zu können. Schließlich gehöre es zum Wesen des Menschen, sich Illusionen zu machen (S. 45; 98). Es sei aber viel gewonnen, wenn man zu Illusionen greife, die weniger schädlich seien als der Humanismus. Heraklit, der das Weltgeschehen als ein Spiel betrachtete und Zhuangzi, für den es ein Traum war, hätten gezeigt, wie man sich im Leben einrichten könne, ohne vom Menschen und der Zukunft Unmögliches zu erwarten.
Grays Buch ist zu essayistisch und kurz, um eine sorgfältige Begründung dieser Thesen zu erlauben. Es muss mit der gleichen Erwartung gelesen werden, wie die Schriften Montaignes, Nietzsches oder Ciorans. Wer dazu bereit ist, wird ihm eine Fülle von Anregungen entnehmen können.