Ein Buch über und von Gerda Boyesen kann eigentlich nicht anders beginnen als mit Begriffen wie Flughafen, Nizza, Filmproduktion, Hubschrauber, St.Tropez, Magierin und einer Hauptdarstellerin, die von den anstrengenden Dreharbeiten rasende Kopfschmerzen hatte, worauf Gerda, gefragt von Claudia (so lernten sie sich kennen), der „ein paar Massagegriffe" zeigte, die „sofort ihre Wirkung" (Text-seite 2) taten. Wie auch sonst?! Darauf folgt ein gemeinsamer Flug und das Kennenlernen. Claudia Leutesdorff: „In unserem Gespräch klagte sie, daß viele ihrer Kursteilnehmer in ihr lediglich die `Erdmutter' sehen würden. Ich spürte ihre Sehn-sucht nach der Rolle der Grande Dame und schickte ihr zum Geburtstag ein paar luxeriöse Ohrringe".
Wieder mal ein Esoterik-Jubelschinken, den der Rezensent getrost dem Verlag zurückschicken kann mit dem Vermerk, ihn künftig mit derlei zu verschonen?! Natürlich nicht, sondern einfach nur: „Gerda live - das ungeschminkte Gesicht eines Weltstars der Therapieszene... Gespräche bis tief in die Nacht, Frühstück mit Unmengen bayrischer Leberwurst... Einkäufe in Münchens elegantesten Boutiquen, Fünf-Uhr-Tee in unserer Bibliothek - immer ist Gerda amüsant, gesprächig und ungezwungen. Welch ein erfreulicher Gegensatz zu vielen Therapeutengöttern, bei denen man gut daran tut, nicht an der Fassade zu kratzen," so Leutesdorff/Santner.
So angenehm das Zusammensein mit Gerda allerdings gewesen sei, so aufwendig hätten sich dennoch Terminplanung und Arbeit gestaltet. Interviews allüberall, „Telephonate und Faxe jagten quer durch Europa" usw.usf...., aber lassen wir das. Lesen Sie das Buch, vielleicht wie ich, irgendwie fasziniert und amüsiert, durchaus interessiert und dann auch wieder verärgert, in einem großen Rutsch durch, um am Ende nicht so genau zu wissen, woran Sie sind. Aber das weiß der einigermaßen Eingeweihte ja schon vorher. Der Neuling wird allerdings sofort ein Ticket buchen zum nächsten Workshop mit der großen „Anhängerin des Lustprinzips", denn „al-les klappte wie im Märchen". Wer kann sich schon Reizwörtern entziehen wie „abenteuerlich, wunderbar, phantastisch, aufregend, Sean Connery, der unvermutet auftaucht, schwerreich, außergewöhnlich, unglaublich, große Aufregung, Chef der Sicherheitspolizei, extrem vorsichtig, Bombe, alles wieder in Ordnung" (auf einer wahllos von mir aufgeschlagenen Doppelseite)? Aber hat sie nicht recht: „Leben soll spannend sein und nichts mit Routine und Langeweile zu tun haben."?!
Auch dieses Buch hat damit nicht das geringste zu tun. Wenn es nicht dem unbe-darften Leser (trotz einiger Nebensätze) nicht den überwältigenden Eindruck ver-mitteln würde, daß bei Boyesens „alles... wie mit einem Zauber... funktionierte", könnte es sogar ein wichtiges Werk sein, während z.B. John Pierrakos, Jay Statt-man und Alexander Lowen „ keine besonders tiefen Schichten... berührten". Auch die „Reichsche Therapie, der ich mich unterzog, hatte Grenzen in der Tiefe dessen, was sie emotional in einem Menschen berührte". Bei Gerda dagegen: „Ich bringe meine Klienten bis zum Maximum." Psychoanalyse etc. schneiden „naturgemäß" noch schlechter ab (wobei ich nicht behaupten will, daß sie damit ganz unrecht hätte): „Mein Bild der Psychoanalyse ist naturgemäß davon beeinflußt, daß ich seit Jahrzehnten ihre Mißerfolge präsentiert bekomme. Natürlich hat sie viel Bedeutsa-mes zur therapeutischen Arbeit beigesteuert. Wie übrigens auch die Verhaltensthe-rapie und NLP einige positive Züge aufweisen. Allerdings ist der theoretische An-satz ziemlich mechanistisch... Gerade die Verhaltenstherapie bietet ausgefeilte Methoden für Krankheitsbilder, die kaum vorkommen. Dabei wird nur an den Symptomen herumkuriert. Die dahinterliegenden Traumata landen dann im glück-lichen Fall eines Tages bei qualifizierten Körpertherapeuten. Agoraphobie und Klaustrophobie habe ich sehr erfolgreich mit Deep Draining behandelt. Und zwar ohne anschließende Symptomverschiebung! Die Angst löste sich vollkommen auf."
Denn: „Die Lösung wird von selbst kommen, keine theoretische Einsicht vom Kopf her, sondern eine Lösung aus der Tiefe. Er wird seinen Weg wieder sehen." Auch uns Therapeuten weist sie den Weg: „Der Therapeut muß sich doch nicht anstren-gen!... Der Klient entdeckt seine verborgenen Talente, mit denen er geboren wurde. Der Therapeut sitzt nur da in seinem tiefen Glück... Und man wundert sich immer wieder über die eigene Arbeit, die so leicht von der Hand geht. Ich kann zwölf, vierzehn Klienten am Tag haben, und am Abend möchte ich tanzen gehen, weil ich mich so lebendig fühle." (Der Rezensent fühlt sich im Moment etwas alt).
Vorsicht also vor den „vielen" Steine- oder neurotischen Krieger-Therapeuten: „Der Klient wird nicht selten sogar körperlich krank. Man kann für das weitere Leben zerstört und zum psychischen Invaliden gemacht werden. Unter ungünstigen Umständen baut sich ein psychotischer Charakter auf", womit sie wieder mal nicht unrecht hat, aber sind es wirklich so „viele". Jedenfalls springt die Retterin schon herbei: „Ich kämpfe jetzt wie ein Löwe dafür, daß Therapeuten ihre Klienten liegen lassen. In dieser Position sollen sie sprechen. Natürlich hat auch das Sitzen seine Funktion: Am Anfang, wenn ich wissen will, wie es dem Klienten geht, sitzen wir uns gegenüber. Aber die Behandlung geschieht dann liegend auf der Matratze oder auf dem Massagetisch."
Aber dann hat sie krass unrecht: „Es gibt zwei Dinge, für die mich die therapeuti-sche Zunft haßt." Aber nein, Gerda, wir hassen Dich nicht, niemand kann das, auch wenn Du's vielleicht gerne hättest! Und wofür sollen wir sie hassen? „Das eine ist, daß ich von `Harmonisierung' spreche. Dabei hat das nichts mit Idyllisieren zu tun. Es bedeutet lediglich, daß der Klient, nachdem er durch heftige Prozesse gegangen ist, also heftige Energien provoziert wurden, den Prozeß und die Residualenergien verdauen muß. Das andere, womit ich mir wenige Freunde bei Therapeuten ge-macht habe, ist der Satz - ich wag e kaum, ihn auszusprechen - : `Das Ziel muß sein, daß der Klient gesund wird.' Die meisten Therapien, besonders die Psycho-analyse, machen die Klienten nicht gesund. Klienten wirklich zu heilen, ist ein großes Tabu."
Starke Worte, werden sie erst einmal recht bedacht. Hoffentlich werden sie auch gelesen, denn Frau Boyesen meint: „Je weniger meine Therapeuten lesen, desto besser sind sie in der Regel." Wohl weil die „Seele, die aufgrund ihrer Schwingun-gen elektromagnetisch nachweisbar ist... sich" sowieso „an alles... erinnert".
Undsoweiter, undsoweiter. Wie gesagt, es ist schwer nicht weiterzulesen. Deutlich werden in der Zusammenschau dann doch die Grundzüge der Biodynamik, die Wesenszüge des Gerda Boyesenschen Entwicklungsweges, ihre Lebens- und The-rapiephilosophie. Ihr Buch ist, kurz gesagt, authentisch. Wo findet man das heute schon?! Das ist sein großer Wert.
Wahrscheinlich hat es deshalb alles (amerikanische), um ein Bestseller zu werden. Ich bin mir noch nicht im Klaren darüber, ob ich dagegen bin oder dafür oder... Jedenfalls müssen Sie es lesen.
Bernhard Maul, (Körperpsychotherapeut) Freiburg i.Br.