Klappentext
Von Kopf bis Fuß - auch wer Friedrich Hollaender nicht kennt, weiß, aus welchem Song diese Worte Stammen. Marlene Dietrich wurde damit ein Star und verdankt dies nicht zuletzt dem Komponisten und Texter. Wie es dazu kam erzählt Hollaender ausführlich in seiner Autobiographie. Und nicht nur das: Er läßt das Panorama der Zwanziger Jahre wiedererstehen, die große Zeit der Kabarett-Revuen mit Namen wie Kurt Tucholsky und Walter Mehring, die Texte zu Hollaender-Melodien schrieben, und Paul Graetz, Blandine Ebinger, Curt Bois und so vielen anderen, die diese Songs dann verkörperten - von Kopf bis Fuß.Doch das alles war von kurzer Dauer - 1933 mußte Hollaender aus Deutschland fliehen, zuerst nach Paris und dann nach Hollywood, wo er eine zweite Karriere als Filmkomponist begann, die ihn wieder mit alten Berlinder Freunden zusammenbrachte: Billy Wilder, Ernsr Lubitsch, Joe May, Peter Lorre, Franz Waxman und natürlich Marlene Dietrich. 1956 nach Deutschland zurückgekehrt, läßt er sich in München nieder, macht wieder Kabarett und schreibt schließlich seine Erinnerungen, die 1965 zuerst erschienen sind.Am 18. Oktober 1996 wäre Friedrich Hollaender hundert Jahre alt geworden.
Auszug
»Mannele«, sagt die Stimme im nächtlichen Zimmer, »ich glaube, es ist Zeit -«
Zeit?
Zum Aufstehen.?
Schon? Es ist ja noch dunkel. Vielleicht durch den schmutzigbraunen Londoner Nebel etwas dunkler, als es sein sollte. Aber zu dunkel bestimmt. Zum Aufstehen. Wieviel Uhr kann es sein? Halb drei? Halb vier?
Außerdem ist heut Sonntag, das weiß er mit Sicherheit. Er hatte sich mit solchem Vorvergnügen schlafen gelegt. Sonntags gibt's keine Orchesterproben. Sonntags gibt's das lange Frühstück. Porridge, Toast, bacon and eggs. Und die dicke Zeitung, wie ein Buch so dick. Warum also aufstehn? Sie hat sich irn Tag geirrt. Die schöne dunkle Stirnme im dunklen Zimmer.
Allerdings zwei Vorstellungen sonntags, in Barnum and Bailey's großer Zirkus-Show, wo er die schmucke, rotuniformierte Militärkapelle dirigiert - schmuck und rot uniformiert auch er.
Zwei Vorstellungen auch für sie heute. Das ist anstrengend. Die Nummer neun ist sie im Programm, und dann noch einmal, die Nummer siebzehn im zweiten Teil - die besondere Attraktion, wie sie mit ihren langen, tiefbrünetten Zöpfen und den sanften schwarzen Augen - so südländisch sieht sie aus - hoch zu Kamel durch die Arena schaukelt und dazu singt, die schöne dunkle Stimme.
Ja, singt. Ja, hoch zu Kamel.- Deutsche Lieder und Arien. Und die kleine englische Zugabe mit dem Sonderapplaus, für den das Kamel dankend in die Knie geht. Aber die Musik dazu kommt von ganz oben, fast aus der Kuppel, wo er dirigiert, wie ein Spanier anzusehn, mit seinem schönen Schnurrbart. (Dabei sind sie beide aus Schlesien. Er aus Leobschütz, sie aus Breslau.)
Und wenn sie da unten an ihm vorbeigeschaukelt kommt,....