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Von Katzenorgeln und Eheflüchtern. Ein musikalisches Raritätenkabinett
 
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Von Katzenorgeln und Eheflüchtern. Ein musikalisches Raritätenkabinett [Gebundene Ausgabe]

Christoph Rueger


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Neue Zürcher Zeitung

Hinweise auf Bücher

«Leute der Schrift»

ujw. Ein ebenso bemerkens- wie lesenswertes Sammelwerk ist anzuzeigen: das erste (zumindest das erste deutschsprachige) Buch in der Disziplin «Religionsphilosophie», das Denker aller drei monotheistischen Offenbarungsreligionen – «Leute der Schrift», mit einem Wort des Korans – porträtiert. Die faktische Okkupation des Begriffs «Religionsphilosophie» durch Theoretiker christlicher Konfession wird so erfreulicherweise in Frage gestellt. Eine weitere, nur auf den ersten Blick apart anmutende Eigentümlichkeit: Keiner der versammelten «Klassiker der Religionsphilosophie» hat je ein Werk verfasst, das den Terminus im Titel führte. Die zeitliche und, sozusagen, topographische Ausdehnung des gegen Ende des 18. Jahrhunderts aufgekommenen Begriffs wird, so Friedrich Niewöhner, der Herausgeber, «erst einmal dokumentiert, nicht reflektiert». Ausser den reinen Religionskritikern (Spinoza, Feuerbach) fehlt in der Galerie auch Immanuel Kant – und dies, obgleich sein Name mit der Geschichte des Begriffs aufs engste verknüpft ist. Zu den «Klassikern der Religionsphilosophie» zählt Niewöhner ihn mit einem gewissen Recht nicht: bildet doch die Transformation der Religion in Moral den Fluchtpunkt der Kantischen Religionsphilosophie.

Komponisten – (allzu) menschlich

rur. Wer weiss es nicht, dass die allergrössten Künstler auch sehr (un)menschliche Züge entwickeln konnten? Im Buch von Christoph Rueger wird viel Alltag ausgebreitet: wie Händel (fr)ass, Max Reger soff, Strawinsky hinter dem Geld herrannte. Pointe folgt auf Pointe. Manchmal greift der Autor auch zu einem (psychologisierenden) Porträt aus wie bei Hector Berlioz oder Robert Schumann. Dabei ist die Komponistenfülle von Jean-Jacques Rousseau und Jean-Baptiste Lully bis Irving Berlin durchaus gegliedert nach Stichworten wie «Musik und Moneten», «Das ewig Weibliche», «Helle Köpfe, scharfe Zungen». Geschont wird niemand, auch nicht all die professionellen und weniger professionellen Kritiker der Musiker. Wie sagte doch jener Dirigent über Kritiker: Am schlimmsten seien jene, die trotz ihrer Inkompetenz gut schrieben. Der Autor gesteht ein, dass er hier nicht urtextgetreue Authentizität angestrebt habe und keinen Beitrag zur Musikwissenschaft leiste. Trotzdem schade, dass schliesslich ein Namenregister fehlt.

Händels Leben poetisiert

ab. Darstellungen des Lebens von Georg Friedrich Händel stellen, da in in den frühen Jahren sehr vieles, in den mittleren und späten immerhin etliches ungesichert bleibt, hohe Anforderungen. Der 1938 in Frankfurt/ Oder geborene, in vielen Sparten tätige Hans-Jürgen Schmelzer, auf den Brahms- und Fontane-Bücher zurückgehen, entschied sich für ein breit ausmalendes Buch, das auf Schriftsteller (etwa Tomasi die Lampedusa und Stefan Zweig) ebenso hört wie auf Fakten. Schmelzer hat neuere Quellenkritik zur Kenntnis genommen, folgt ihr aber nur teilweise. John Mainwarings Bericht, wie ihn die Dokumentation von Otto Erich Deutsch aufbewahrt, scheint gelegentlich durch die Erzählung hindurch. Charles Burney, ein anderer Gewährsmann, wird in einer Kapitelüberschrift genannt. Vom ersten England-Kapitel an treten Kompositionen in den Vordergrund. Hauptziel bleibt aber die Ausschmückung der erhöhten Vita.

«Alles Walzer!»

a. r. Höhepunkt des Wiener Faschings bildet im Februar der glanzvolle Wiener Opernball, der seit 1935, mit Ausnahme des Jahres 1991, als er wegen des Golfkriegs abgesagt wurde, alljährlich in der Wiener Staatsoper veranstaltet wird. Nicht nur die Exponenten der österreichischen Politik, Prinzen und Monarchen, Künstlerstars und Prominenz aus Deutschland, den USA sowie aus Japan geben sich hier ein Stelldichein, nein, ganz Wien ist da an diesem Abend, um sich fiebrig dem Walzer hinzugeben, zu medisieren, zu intrigieren, sich köstlich zu amüsieren und dann wieder zu fadisieren, wie ein Bildband auf 175 Seiten mit grosszügiger Bebilderung aus den Klatsch-und-Tratsch-Bildarchiven belegt. An zuständigen Ballspezialisten, die mit ihren Beiträgen dem Phänomen des Walzertanzens wie auch dem äusserst komplexen Aufbau des Festes der Feste von Wien mit der Feder ihre Reverenz erweisen, fehlte es nicht, denn Bälle gehören an der Donau heute noch zum hochgehaltenen Kulturgut und erfreuen sich entsprechend der fachkundigen Begleitung von Historikern, Musikwissenschaftern und Gesellschaftskolumnisten. Das in zehn Beiträgen aufgegliederte Thema wird unverkrampft ausgelegt, natürlich fehlt eine Chronik des alljährlichen «Who is Who» ebensowenig wie das pikante Detail über die stets in Aufregung ausufernde Suche ausländischer Herren nach einem zu mietenden Frack. Paris und Berlin, so die ballerprobten Autoren und Autorinnen, vermögen Wien bis heute das Wasser nicht zu reichen. Aus Paris wurde der Opernball zwar einst übernommen und mit Raffinement und Ausdauer zur Institution ausgebaut. Doch sowohl an der Seine wie auch an der Spree fehlen offenbar Walzerseligkeit und Reblaus, um sich wie die Wiener immer wieder mit lustvoller Selbstvergessenheit – vor den Kameraaugen der ganzen Welt – um die eigene Achse zu drehen.

Drohende Philosophen?

upj. Diesem Band liegt – wohl zur Warnung? – ein blaues Einlegeblatt bei, darauf ein Satz von Robert Musil: «Philosophen sind Gewalttäter, die keine Armee zur Verfügung haben.» Nun soll auch gewarnt sein, wer dieses Buch zur Hand nimmt. Und zwar nicht so sehr vor dessen Inhalt wie vor der Methode seines Autors, Christian Mürner; eine Methode, die dieser selbst als «polemische und profane» Montagemethode verstanden haben will. Zusammengestellt ist ein reichlich buntscheckiges Konvolut von «philosophischen» Zitaten (von Äsop über Montaigne, Lichtenberg . . . bis zu Walter Benjamins «Bucklicht Männlein»), in denen eine politisch inkorrekte Darstellung von Behinderung aufscheint. Dazu folgen – mit ihrem drohenden Fundamentalismus – konfuse und bedenkliche «Kommentare» von Christian Mürner, deren moralisierender Ton schnell jede Lust auf eine weitere Lektüre versiegen lässt. Die Argumentationslinie hält sich etwa an folgende Vorgabe: «Auch philosophische Nebensätze können Zwang ausüben und sich einem Muster von beschränkter Moral subsumieren.» – Es ist unverständlich, wie der Lang-Verlag dazu kommt, dieses Denkverbot in Buchform auf den Markt zu bringen.

Sich-untereinander-Verstehen

rox. Seitdem sich der neuzeitliche Mensch als einheitliches Subjekt der Erkenntnis zu verstehen begonnen hat, ist er sich auch des unabänderlichen Faktums gewahr geworden, dass Welterkenntnis immer mit dem Makel des Subjektiven behaftet bleibt. Nun ist diese Einsicht nicht neu. Doch Josef Simon, Herausgeber dieses zweiten Teils einer Aufsatzsammlung zum Thema «Zeichen und Interpretationen», will auch mit diesem Band dazu beitragen, dass die Philosophie endlich darauf verzichte, so zu tun, als ob ihre Aufgabe weiterhin darin bestünde, «transzendental» über die Bedingungen einer möglichen Welterkenntnis «im allgemeinen» zu reden. An die Stelle der Aufgabenstellung der klassischen Hermeneutik – nämlich das Verstehen von Bedeutung im allgemeinen – habe vielmehr ein interpersonales «Sich-untereinander-Verstehen» zu treten, das sich einer gleichsam ästhetischen Distanz zwischen den Verstehensweisen der einzelnen Subjekte bewusst sei. – Der Band enthält Beiträge von Renate Dürr, Hans Lenk, Wolfram Hogrebe, Aleida Assmann u. a.

Masse und Geschlecht

lx. Die hier vorliegende Zürcher Dissertation beschäftigt sich mit den sozial- und rechtsphilosophischen Auseinandersetzungen, die mit dem Phänomen der Massengesellschaft im 19. Jahrhundert verknüpft sind. Auf dem Hintergrund des virulenten Kulturpessimismus, mit dem die bürgerliche Gesellschaft gegen Ende des Jahrhunderts schwanger geht, entsteht ein konservatives Klima, das sich entschieden gegen den philosophischen Leitbegriff der Moderne – die Gleichheit – wendet. Sidonia Blättler zeigt – differenziert und kenntnisreich – auf, inwiefern der sogenannte Weiblichkeitsdiskurs dazu benützt wird, die «natürliche» Ungleichheit als soziales Strukturprinzip wieder in die politische Rhetorik einzubringen. Decouvrierend und informativ besonders das Kapitel über Patriarchalismus, Klassenaristokratie und Expansionspolitik beim Freud-«Vorgänger» Eduard von Hartmann (1842–1906).

Schiller-Jahrbuch 1995

haj. Der neue Band des «Jahrbuchs der Deutschen Schillergesellschaft» enthält einleitend Texte und Dokumente. Bernhard Fischer veröffentlicht fünf bisher unbekannte Briefe Johann Friedrich Cottas an Georg Christoph Lichtenberg, und James Trainer beleuchtet Ludwig Tiecks Beziehungen zu der Familie Voigt in Weimar im Spiegel von neun erst jetzt an die Öffentlichkeit gelangten Briefen. Mit zwei ungedruckten Briefen, die Robert Musil im Februar 1914 an Franz Kafka nach Prag sandte, kann Hartmut Binder Musils Tätigkeit für ein geplantes Beiblatt der «Neuen Rundschau» erhellen und gleichzeitig neue Fakten zur komplizierten Druckgeschichte der «Verwandlung» beibringen. James N. Bades Mitteilung eines bisher unveröffentlichten späten Briefes von Thomas Mann vom 24. Mai 1926 an den Jugendfreund Otto Grautoff ist deshalb von Belang, weil er das Modell für Pribislav Hippe im «Zauberberg» ausdrücklich identifiziert. – Eine Reihe von Aufsätzen führt durch die deutsche Literaturgeschichte von Lessing bis Günter Eich und Hans Wollschläger. Teresa Seruya gibt einen wissenschaftlichen Bericht über Germanistik in Portugal, im weiteren wird die Diskussion über das Neue fortgesetzt und vorläufig abgeschlossen. In der Rubrik «Berichte» sei auf Ingrid Hannich-Bodes ausführliche Schiller-Bibliographie 1991–1994 hingewiesen.

Tod in der Badewanne

krü. Zwischen der Flut der Nullachtfünfzehn- und dem Rinnsal der innovativen Krimis plätschert ein Fluss solider Vertreter der Gattung, die, obzwar weder besonders originell noch literarisch ambitioniert, doch spannend und sorgfältig geschrieben sind. In diese Kategorie gehört Steve Martinis Anwaltskrimi «Kreuzverhör». Paul Madriani, Anwalt und Ich-Erzähler des Romans, muss vor Gericht seine Schwägerin verteidigen, die beschuldigt wird, die jetzige Frau ihres Ex-Ehemannes in deren Badewanne erschossen zu haben. Ihre Chancen stehen schlecht. Sie hat ein Motiv, wurde am Tatort gesehen und im Nachbarstaat, scheinbar auf der Flucht, festgenommen, während sie in einem Waschsalon gerade eine Badezimmermatte chemisch reinigte; in ihrer Handtasche fand die Polizei zudem die Puderdose der Ermordeten. Merkwürdig ist nur, dass das Ehepaar, das neben dem Haus des Opfers wohnte, plötzlich verschwunden ist. Als Madriani dieser Spur nachgeht, geschieht ein weiterer Mord, ein Berufskiller und das FBI mischen sich ein, und der Anwalt selbst gerät in Gefahr. «Kreuzverhör» bietet neben Gerichtsszenen, die verdeutlichen, wie sehr es bei Geschworenenverfahren auf psychologische Strategie und Taktik ankommt, alles, was zu einem guten Krimi gehört: ein rätselhaftes Verbrechen, einen wendungsreichen Plot, flüssiges Erzähltempo, trockenen Humor, geschickt eingebaute clues und einen überraschenden Schluss.

Baudelaires Verleger

kem. Er hätte längst eine ausführliche Monographie verdient, Auguste Poulet-Malassis, der bibliophile Drucker aus Alençon, der 1857 die «Fleurs du Mal» herausbrachte, wodurch er sich einen skandalumwitterten Prozess zuzog. Über die Einzelheiten dieses Prozesses, der nicht sein einziger war, und über seine Freundschaft mit Baudelaire sind wir längst genauer unterrichtet, dank Claude Pichois' Baudelaire-Biographie (Juillard, 1987; Steidl, 1994). Die gründlich dokumentierte Darstellung, die Pichois nun dem Leben, der Tätigkeit, den Gesinnungen Poulet-Malassis' und dem weiteren Freundeskreis der Autoren um ihn (Asselineau, Banville, Champfleury) gewidmet hat, macht uns die Erscheinung dieses keineswegs immer einwandfreien, doch entschiedenen Nonkonformisten anschaulich. Der Demokrat und Voltairianer Poulet-Malassis – «Coco-Malperché», wie Baudelaire ihn scherzhafterweise nannte – hat in Frankreich und Belgien an die 300 Titel gedruckt, Werke der verschiedensten Art, darunter auch allerlei Pornographisches (mit «Frontispizen» von Félicien Rops) und politische Broschüren, die ihm ein längeres Exil in Brüssel eintrugen. – Pichois liefert einen wichtigen Beitrag zur näheren Kenntnis der literarischen und journalistischen Strömungen sowie der verlegerischen Betriebsamkeit in der Epoche des Zweiten Kaiserreichs.

Arabesken

B. En. Die Wildkatze «el Tigre» gilt als besonders schönes und elegantes Tier, und nach ihr ist auch ein verführerisches Getränk benannt worden. Freigott Trocken, der Naturwissenschafter, will in Leondam nach dem seltenen Tier der Gattung Panthera forschen, und eigentlich lassen alle Figuren in Manuel Karaseks Erzählungen die vertrauten Zonen hinter sich und wollen sich am Exotischen berauschen. Der Hispanistik-Student Trent in Bonn etwa schreibt einen ganzen Tag lang Briefe an den in der Stadt weilenden mexikanischen Dichter, um mit ihm ein Treffen vereinbaren zu können – Briefe, die er alle verwirft, um zuletzt doch auf sich selbst zurückgeworfen zu werden. Denn im Spiegel erblicken Karaseks Suchende immer wieder sich selbst. Der 1967 in Stuttgart geborene Autor kreist seine Gestalten mit Satzornamenten ein, gönnt sich Abschweifungen und vergisst doch nie, zu seinem Hauptgegenstand zurückzukehren. Forsch, ironisch, aber verständnisvoll erstehen vor dem Leser die Menschen und ihre vielfach verschlungenen Wege, und manchmal wirbelt eine überraschende Pointe alles durcheinander.

Kurzbeschreibung

Christoph Rueger beschäftigt sich in seinem "Raritätenkabinett" mit der menschlichen Seite der großen Komponisten und plaudert heiter über ihre Marotten und Besonderheiten. Da wird erzählt, wie Beethoven kochte, Reger trank und Händel aß, wie Strawinsky seine Auftraggeber manipulierte, und Artur Schnabel seine Kollegen bei der Gagenaufteilung austrickste.

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