Irina Korschunow, die als Autorin hervorragender Kinderbücher bekannt ist, hinterlässt mit diesem Roman einen zwiespältigen Eindruck. Die 16jährige Esther verschwindet; dass sie von zuhause ausgerissen ist und kein Verbrechen vorliegt, erfährt der Leser in den ersten Sätzen, Esthers Eltern Linda und Philipp leben jedoch in monatelangen Ängsten, zumal eine Boulevardzeitung ihr Priatleben aufs Korn nimmt und sie den schlimmsten Verdächtigungen ausgesetzt sind.
Linda und Philipp gehören zur High Society mit allem, was man sich darunter vorstellt: Geld, Villa, Parties, Affären; der Ehemann, dem vor lauter Arbeit und Geldscheffelei alles andere zweitrangig ist; die Ehefrau, die ihre Langeweile mit Sprachkursen und Wohltätigkeit übertüncht. Natürlich ist der Absturz aus der guten Gesellschaft durch die Presseberichte vorprogrammiert. Gegenüber den Verdächtigungen und Vorwürfen tritt Esthers Verschwinden in den Hintergrund. Hier stimmt nach meiner Ansicht die Gewichtung der beiden Schicksalsschläge nicht mehr. Was tun Eltern normalerweise, wenn ein Kind verschwindet? Sie klappern Schule, Treffpunkte, Freundeskreis ab, verteilen Fotos, kleben Plakate, starten Aufrufe, stellen Kinderzimmer auf den Kopf, lesen Tagebücher, beauftragen Detekteien, wenn die Polizei nicht weiter kommt. Trotz ihres Geldes und ihrer überflüssigen Zeit kommt Linda auf keine dieser Ideen.
Obwohl sie ihren Anteil am Scheitern sieht, verweist ein anklagender Finger immer auf Philipp: Sie hatte ihre Affären ja nur, weil Philipp zuerst welche hatte. Sie fühlt sich unausgefüllt, weil Philipp nicht will, dass sie arbeitet. Ihre Tochter hatte keinen Halt, weil Philipp immer unterwegs war. Insofern hält sich das Mitleid mit der Familie in Grenzen.
Unbestreitbar, dass die Pressekampagne zu verabscheuen ist. Unbestreitbar aber auch, dass alle Mitglieder der Familie ihrer Demontage noch relativ glimpflich entkommen sind.