Aus der Amazon.de-Redaktion
Der Nautilus Verlag hat unter dem Titel
Von geschlechtlicher Not zur sozialen Katastrophe die Schriften Otto Gross' vom Anfang des 20. Jahrhunderts wieder aufgelegt. Gross, Psychoanalytiker der ersten Stunde, sah 1913 den Revolutionär "gegen die Vergewaltigung in ursprünglichster Form, gegen den Vater und das Vaterrecht" kämpfen. Zwangsläufig ist dieser Kampf einer gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse. Als erster Analytiker vollzieht Gross den Schritt von der individuellen Neurose zum gesellschaftlichen Leid.
--Brigitte Werneburg
Neue Zürcher Zeitung
Ein Schwieriger
rox. Vor kurzem hat der Nautilus-Verlag in einer kleinen Ausgabe die verstreuten Aufsätze und Arbeiten des österreichischen Psychiaters und Analytikers Otto Gross (18771920) ediert. Gross, dessen Vita durchzogen ist von schwierigen und tragischen Momenten, hat mit seinen eigenständigen Arbeiten insbesondere zur «psychoanalytischen Ethik» zunächst Anerkennung sowohl bei Freud wie auch bei C. G. Jung gefunden. Seinen kritischen Analysen der autoritären Familien- und Gesellschaftsstruktur entsprechend führte er ein Leben, das sich als Praxis verstand und sich mit der Seinsweise der Anarchie und der Bohème verband. 1913 wird er auf Betreiben seines Vaters entmündigt, zeitweilig gar interniert. Nach einer internationalen Kampagne erlangt er die Freiheit wieder und beginnt erneut zu praktizieren und zu publizieren. Sein Leiden am Leid der Gesellschaft führt zum endgültigen persönlichen Zusammenbruch. Zunehmend isoliert und verwahrlost, aber unfähig, von aussen Hilfe anzunehmen, stirbt Gross 1920 buchstäblich in der Gosse. Dem Band ist ein einleitender Essay des Schriftstellers und Politikers Franz Jung (18881963) vorangestellt, der Leben und Wirken Otto Gross' über lange Jahre verfolgt hat.