Luthers Schrift Von der Freiheit eines Christenmenschen" erschien im November 1520, zunächst auf deutsch und lateinisch. Sie ist eine etwas erweiterte Fassung eines Sendbriefes Luthers an Papst Leo X.. Auf Ersuchen des um Vermittlung in der theologischen Auseinandersetzung bemühten päpstlichen Gesandten Karl von Miltitz wollte Luther, der zu dieser Zeit diesbezüglich wohl kaum noch große Hoffnungen hatte, dennoch Entgegenkommen zeigen und legte noch einmal zusammenfassend die wesentlichen Züge seiner Theologie dar. Was sich so ergab, war wie Luther im Vorabschreiben mitteilt die ganze Summe eines christlichen Lebens".
Der Autor und seine Zeit
Martin Luther wurde am 10.11.1483 in Eisleben geboren. Seine Vorfahren waren Bauern, der Vater war Bergmann und später Ratsherr. Luther besuchte die Schulen in Mansfeld, Magdeburg und Eisenach. Von 1501 an studierte er Philosophie an der Universität in Erfurt und machte seinen Magister. Der akademische Unterricht dort war vom Nominalismus und Aristotelismus geprägt. Das auf Wunsch des Vaters anschließend begonnene Jurastudium brach Luther 1505 ab. Er trat ins Augustinerkloster Erfurt ein. 1507 wurde er dort zum Priester geweiht und begann Theologie zu studieren. 1508 erfolgte seine Versetzung in den Konvent zu Wittenberg. 1510 wurde er nach Rom delegiert. Er war erschüttert über den Sittenverfall des Vatikans in dieser Zeit. Im Jahr 1512 promovierte Luther zum Doktor der Theologie und erhielt eine Professur an der Universität Wittenberg.
Im selben Jahr machte Luther beim Studium des Römerbriefes eine Entdeckung, die sein Leben verändern sollte. Er, den bis dahin stets das Gewissen quälte, obwohl er unter den Mönchen als einer der heiligmäßigsten" galt und allseits größtes Vertrauen genoss, entdeckte, dass nicht ein moralisch einwandfreies Leben vor Gott angenehm machen kann und soll. Luther begegnete in der Bibel dem Gott, der dem Menschen die Gerechtigkeit Christi aus Gnaden zuerkennt. Diese Erkenntnis war in der Kirche der damaligen Zeit weitgehend verschüttet. Der Glauben der Menschen war vielmehr dominiert von der Angst vor jenseitigen Strafen, denen sich nur durch Reue und kirchliche Bußauflagen entkommen ließ. Diese Bußauflagen - ursprünglich im seelsorgerlichen Beichtgespräch individuell bemessen - materialisierten" sich im Laufe der Zeit. Die Kirche verkaufte Straferlässe, sog. Ablässe (auch für verstorbene Verwandte). So finanzierte sie u.a. den Bau des Petersdoms. Dieses Unwesen motivierte Luther, seine Stimme zu erheben.
Ein erster Höhepunkt bildete hier das Jahr 1517. Luther schlug seine 95 Thesen an die Pforte der Schlosskirche zu Wittenberg. Rom wurde auf ihn aufmerksam. Es folgte ein Verhör mit Kardinal Cajetan und eine öffentliche Disputation mit Dr.Eck. Die Ereignisse überschlugen sich nun. 1520 erschienen die Schriften, die die notwendigen Veränderungen innerhalb der Kirche klar abstecken und konkretisieren: An den christlichen Adel deutscher Nation", Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche", Die Freiheit eines Christenmenschen". Luther misst alle Praktiken und theologischen Aussagen der Kirche an der ursprünglichen biblischen Lehre. Die daraufhin vom Papst erlassene Bulle, die Luther zum Widerruf auffordert, verbrennt dieser zugleich mit anderen päpstlichen Rechtserlassen öffentlich. 1521 erlässt der Vatikan die Bannbulle gegen Luther. Kaiser Karl V. lädt Luther nun unter Zusicherung freien Geleites zum Reichstag zu Worms um ihm eine letzte Chance zum Widerruf zu geben und so die religiöse und politische Einheit des Reiches zu sichern. Doch Luther, der im Grunde kein rebellischer Geist war und keineswegs eine konfessionelle Aufspaltung suchte, konnte auch hier seine Ausführungen nur mit den Worten schließen: Wenn ich nicht mit Zeugnissen der Schrift oder mit offenbaren Vernunftgründen besiegt werde, so bleibe ich von den Schriftstellen besiegt, die ich angeführt habe, und mein Gewissen bleibt gefangen in Gottes Wort. Denn ich glaube weder dem Papst noch den Konzilien allein, weil es offenkundig ist, dass sie öfters geirrt und sich selbst widersprochen haben. Widerrufen kann und will ich nichts, weil es weder sicher noch geraten ist, etwas gegen sein Gewissen zu tun. Gott helfe mir, Amen." Am 26.5.1521 verhängte der Kaiser daraufhin im Wormser Edikt über Luther die Reichsacht. Allein Kurfürst Friedrich bewahrte ihn vor dem Schlimmsten und ließ ihn auf die Eisenacher Wartburg in Sicherheit bringen. Innerhalb weniger Wochen übersetzte Luther dort das Neue Testament ins Hochdeutsche (erschien noch 1522; das Alte Testament war dann 1534 übersetzt und druckfertig).
Schon 1522 kehrte Luther nach Wittenberg zurück. Die reformatorischen Gedanken breiteten sich nun von hier aus rasch über ganz Deutschland und darüber hinaus aus. Ein enger Freund und Mitarbeiter erwächst Luther dabei in Philipp Melanchton, ursprünglich eher Humanist, eine ganz andere Persönlichkeit als der Reformator, ein hochsensibler Feingeist, von Luther oft freundschaftlich Leisetreter" genannt. Im Jahr 1525 machte Luther mit seiner theologischen Verwerfung des Zölibates auch im Privatleben Ernst. Er heiratete die ehemalige Nonne Katherina de Bora. Sie schenkte ihm sechs Kinder, drei davon starben jedoch frühzeitig. 1525 eskalierten die Bauernaufstände. Deren Führer fühlten sich von Luthers Lehren missverständlich ermutigt. Luther reagierte denn auch verhältnismäßig krass. Angesichts der vielen Opfer belastete ihn das Geschehen sehr tief. Die Reformation nahm weiter ihren Lauf: 1524 und 26 fanden zwei weitere Reichstage statt - ohne Einigung zwischen evangelischen Ständevertretern und Anhängern des Katholizismus. 1526-29 geschah eine Reform der Gottesdienste in der kursächsischen Kirche, an der sich andere Fürstentümer orientierten. 1527 wurde die erste rein evangelische Universität in Marburg gegründet. 1529 findet das Marburger Religionsgespräch zwischen Luther und Zwingli statt, scheitert jedoch am Abendmalsverständnis. 1530 legen die Anhänger Luthers dem Reichstag zu Augsburg ausgearbeitete Bekenntnisschriften vor - u.a. die Confessio Augustana. 1531 schließen sich die evangelische Stände im Schmalkaldischen Bund zusammen.
Als Luthers Kräfte in den letzten Jahren nachließen, spürte er die übergroße Last der Verantwortung auf seinen Schultern lag, umso mehr. Doch auch sein letzter Lebensabschnitt blieb bestimmt von Auseinandersetzungen vielfältigster Art.: Auf gesellschaftlich-politischer Ebene mit den Landesherren bzw. sonstigen einflussreichen Personen, im kirchlich theologischen Bereich mit den Vertretern der Lehre Roms, mit fast gleichgesinnten anderen Reformatoren (Bucer, Zwingli), mit den Führern von durch ihn inspirierten sektiererischen Bewegungen (z.B. die Wiedertäufer). In diesen Auseinandersetzungen überzog Luther stellenweise deutlich. Hierher gehören auch seine schroffen Äußerungen zum Judentum. Manch einer wendet ein, dass sich unter den Großen der abendländischen Geistesgeschichte - von Tacitus bis Bruno, von Erasmus bis Voltaire, von Kant bis Schopenhauer - kaum jemand findet, der sich nicht ähnlich schockierend und schlimmer geäußert hätte. Doch dies kann ebenso wenig eine Entschuldigung sein wie der Hinweis, das markige Übertreibungen zu Luthers Zeiten geradezu als Stilmittel anzusehen sind. Könnte Luther sehen, zu welchen Entwicklungen seine Äußerungen beigetragen haben, er würde sicherlich mit sich selbst am schärfsten ins Gericht gehen.
Luther starb am 18.02.1546 in Eisleben. 1555 - neun Jahre nach Luthers Tod, gab es einen ersten wirklichen politischen Erfolg im Konfessionsstreit - den Augsburger Religionsfrieden. Man einigte sich darauf, dass die jeweilige Konfession durch die Landesherren bestimmt wird und erkannte Reichsstädten diesbezüglich Eigenständigkeit zu. Wie man weiß, sollte der Frieden jedoch nicht lange andauern.
Inhalt
Damit wir gründlich erkennen können, was ein Christ ist und wie es um die Freiheit steht, die Christus ihm erworben hat, von der der heilige Paulus viel schreibt, will ich diese zwei Thesen aufstellen: Ein Christ ist ein Herr über alle Dinge und niemandem verpflichtet. Ein Christ ist ein dienstbarer Knecht in allen Dingen und jedermann verpflichtet." Mit diesen Worten beginnt Martin Luthers Schrift über die Freiheit eines Christen.
Befreites Menschsein bedeutet für Luther Souveränität gegenüber äußeren und inneren Umständen: So wir uns vornehmen den inwendigen, geistlichen Menschen, zu sehen, was dazu gehöre, dass er ein frommer, freier Christenmensch sei und heiße, so ist's offenbar, dass kein äußerliches Ding kann ihn noch fromm machen, wie es mag immer genannt werden, denn seine Frömmigkeit und Freiheit, wiederum seine Bosheit und Gefängnis sind nicht leiblich noch äußerlich. Was hilft's der Seele, dass der Leib ungefangen, frisch und gesund ist, isset, trinkt, lebt, wie er will! Wiederum, was schadet das der Seele, dass der Leib gefangen, krank und matt ist, hungert, dürstet und leidet, wie er nicht gern wollte! Diese Dinge reichen keines bis an die Seele, sie zu befreien oder gefangenzunehmen, gut oder böse zu machen."
Was aber macht den Menschen frei, froh und fähig zu lieben? Dies - so Luther - vermittelt ihm allein die Heilige Schrift, das Wort Gottes.
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