"Immer wenn das Land den Boden berührte und am Tiefpunkt angekommen (oder verschwunden) war oder schien, entstand es quasi neu." (S. 44).
Wem die bei BECK erschienene "Kleine Geschichte Venezuelas" vom selben Autor nicht ausreicht, dem bietet Zeuske hier eine umfangreiche Darstellung, die sich auf die Menschen und die Territorien konzentriert, die das heutige Staatengebilde Venezuela ausmachen. Die politisch-historische Untersuchung des in Köln lehrenden Professors der iberischen und lateinamerikanischen Geschichte ist sehr zu empfehlen, zeigt Zeuske doch deutlich, dass Venezuela ein beredtes Zeugnis dafür ist, dass eine Modernisierung unter Globalisierungsbedingungen nicht mit viel Geld zu schaffen ist und dass das Konzept der "westlichen Modernisierung" in ehemaligen Kolonialgebieten wie es Venezuela eins ist, fraglich ist. Der Autor beschränkt sich mit dieser Darstellung nicht auf eine reine Auflistung historischer Fakten, er versteht es meisterhaft, diese Fakten zu interpretieren und ihm gelingt eine überzeugende Erklärung, warum sich Venezuela in der gegenwärtigen Situation befindet. Dabei ist dieser Band kein politisches Statement, sondern der Autor versteht es, mit den Mitteln eines Historikers die heutigen politischen und sozialen Probleme deutlich zu erklären. Damit zeigt Zeuske, dass ein Historiker nicht allein dazu berufen ist, die Vergangenheit aufzuzeigen, sondern er soll sie auch erklären und Schlüsse für die Gegenwart ziehen. Dies ist dem Verfasser des vorliegenden Buches auf jeden Fall gelungen.
Aufgrund seiner langjährigen Lehr- und Forschungstätigkeit besitzt Zeuske ein immenses Faktenwissen, das er sehr gut im Text unterzubringen weiß. Der Leser erfährt so eine Menge scheinbar Nebensächliches, das für das Verständnis der venezolanischen Geschichte aber auf jeden Fall sehr nützlich ist. Man muss jedoch auch konstatieren, dass Zeuskes Stil sicher nicht jedem Leser gefallen wird. Nicht nur dort, wo der Autor mit "spitzer Zunge" schreibt, verlangt das Buch einen aufmerksamen und konzentrierten Leser. Wer sich die Zeit für das Buch nimmt, wird auf jeden Fall gewinnen!
Das in zehn Kapitel gegliederte Buch weist sehr viele Karten auf, die dem Leser die wechselvolle Geschichte des Territoriums, auf dem heute der Staat Venezuela existiert, quasi vor Augen führen.
Auch wenn die Darstellung laut Kapitelüberschrift erst um 1500 beginnt, macht der Verfasser sehr deutlich, dass die Ursprünge des heutigen Venezuela weit in die präkolumbische Geschichte Amerikas zurückreichen und dass diese Jahrtausende indianischer Geschichte das Territorium weit mehr geprägt haben, als das bisher vermittelt wurde. Auch in Venezuela wurde die indianische Geschichte zeitweise negiert.
Kariben, Aruak, Konquista, Korsaren, bourbonische Reformen, Miranda, Bolívar, Kakao, Petroleum Militärputsche, Hugo Chávez und viele andere Stichworte werden vom Autor behandelt. Dem Leser bietet sich ein Wirrwarr an politischen und sozialen Ereignissen, die letzten Endes zur Gründung der Bolivarianischen Republik Venezuela führen. Dank Zeuske wird es auch dem Leser möglich, durch die Wirren der venezolanischen Geschichte zu kommen und am Ende zu verstehen, wie es zur gegenwärtigen Situation im Land gekommen ist. Die Darstellung reicht bis ins Jahr 2008 und ist damit sehr aktuell.
Die Lektüre des Buches verlangt Zeit und auch Konzentration - aber ist dafür auch ein Gewinn.
(Diese Rezension schrieb der Rezensent für die Zeitschrift AmerIndian Research. Zeitschrift für indianische Kulturen von Alaska bis Feuerland)