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Das gilt nicht nur für dieses Kapitel, sondern für das ganze Buch. Es enthält auf 300 Seiten weit mehr kluge und originelle Gedanken über die deutsche Geschichte zwischen 1871 und 1945 als der eine oder andere dicke Wälzer. Ich habe es mit großem Vergnügen gelesen und dabei viel gelernt
Dieter Wunderlich (Autor)
So charakterisiert Haffner treffend die Gedankengänge Bismarcks und seine Außenpolitik des Maßes und der Zurückhaltung. Diese konsrastierte mit einer konfrontativ gegen die "Reichsfeinde" Zentrum und Sozialdemokratie angelegten Innenpolitik. Nach seiner Entlassung kehrten sich die "Fronten" um: die Innenpolitik unter Wilhelm II. beruhigten sich, der letzte deutsche Kaiser personifizierte offensichtlich Sehnsüchte seiner Landsleute, die Kaiserzeit sei innenpolitisch eine "glückliche" Zeit. Außenpolitisch seien jedoch zahlreiche Fehler gemacht worden. Insbesondere habe Wilhelm II. das kunstvoll von Bismarck geschaffene Bündnissystem, welches Frankreich isolierte, zerrissen und insbesondere durch die Konfrontation mit England (Verletzung der belgischen Neutralität durch den sogenannten Schlieffen-Plan) sowie durch bedingungslose Unterstützung Österreich-Ungarns gegen Serbien (und damit gegen Rußland) den ersten Weltkrieg ausgelöst. Haffner schildert dann ausführlich die Ereignisse des Ersten Weltkrieges, eines brutalen Stellungskrieges, der durch das Eingreifen der USA gegen Deutschland im Jahre 1917, letztlich gegen Deutschland entschieden wurde, und geht auf das "Schlüsseljahr" 1918 ein, in welchem die Militärführer um Ludendorff und Hindenburg der zivilen Führung und insbesondere der "neuen Reichstagsmehrheit" aus SPD, Linksliberalen und Zentrum, die "Schuld" für die militärische Niederlage im Krieg zuschoben. Dies geschah - leider - mit Erfolg, wie das Wirken der sogenannten "Dolchstoßlegende" aufzeigte. Die Zeit der Weimarer Republik unterteilt Haffner in 3 Teile: die Zeit der innenpolitischen Wirren mit der Inflation und dem Rathenau-Mord bis 1924, die "ruhigen" Jahre bis 1929 und die Zeit der Auflösung der Republik bis 1933. Nun ist diese Zeit der deutschen Geschichte ausführlich erforscht worden, unzählige Publikationen liegen darüber vor. Die Kunst Haffners besteht hierin, die wesentlichen Entwicklungslinien dieser Zeit, die bereits im "Epochenjahr" 1918 angelegt gewesen seien, innen- und außenpolitisch herauszuarbeiten. Haffner zeigt Elemente von Kontinuität und Diskontinuität im politischen Denken und den Zielen der deutschen Eliten auf. So überrascht es nicht, dass er bei der Beschreibung des Nationalsozialismus die in der deutschen Geschichtswissenschaft viel diskutierte Frage, ob das Dritte Reich in der Kontinuität zum Deutschen Reich stand oder ob Elemente der Diskontinuität überwögen, zu der Feststellung gelangt, "daß es Elemente der Kontinuität und Elemente der Diskontinuität gegeben hat,daß aber die Kontinuitätselemente alles in allem überwogen." Den Aufstieg des Nationalsozialismus, dessen 12 Jahre er akribisch bis zum bitteren Kriegsende 1945, höchst eindringlich beschreibt, führt er neben Wirtschaftskrise, Unzufriedenheit mit dem politischen System von Weimar, hauptsächlich auf die Ausstrahlung der Person Hitlers zurück, der "böse aber groß" gewesen sei. Diese These, aus seinen "Anmerkungen zu Hitler" bekannt, belegt der Autor nochmals. Haffner lässt durchblicken, dass er aufgrund der leidvollen Erfahrungen der deutschen Geschichte, keine Chancen auf eine Wiedervereinigung gesehen hat:"Die Geschichte der letzten 42 Jahre hat vom deutschen Reich immer weiter weggeführt...Ein Rückblick auf seine Geschichte macht es fraglich, ob dies wirklich zu beklagen ist.". Seine Sorge: dass die von den Nachbarstaaten als bedrohend empfundene deutsche Macht zu Instabilität und Spannungen in Europa führen würde (er betrachtet diese Machtausdehnung als den eigentlichen Grund des Ausbruches des ersten Weltkrieges), lässt ihn auch nach der Wiedervereinigung nicht los: in seinem 1990 aktualisierten Nachwort begründet er dies: die unerwartete Wiederherstellung des deutschen 80-Millionen-Kolosses biete Anlass, seine bisherige Geschichte - die Geschichte seiner Wandlungen von Bismarck zu Hitler - möglichst klar ins Gedächtnis zurückzurufen. "Diese Geschichte bleibt, was sie gewesen ist, und ihre Lehre, daß Deutschland der Welt sehr schnell ein ganz verändertes Gesicht zeigen kann, ist aktueller denn je."
Insgesamt gebe ich der Münchener Abendzeitung recht, deren Rezension auf dem Buchrücken der Taschenbuchausgabe abgedruckt ist: "Ein Buch, das mehr Geschichtsverständnis bietet als Stapel von Historikerschwarten."
Schade ist, dass Haffner, der hier Geschichte - wenn auch packend - "erzählt", keinerlei Quellen für seine Thesen nennt, wenn er auch ab und zu Historiker, deren Publikationen er wichtig findet, benennt. Insofern eignet sich das Buch hervorragend als erster Überblick in die neuere deutsche Geschichte, die fesselnd geschrieben ist - auch wenn mich einige Feststellungen des Autors, etwa der, dass das "Dritte Reich" kein totalitäter Staat, sondern ein Doppelstaat gewesen sei, befremdet haben, da sie meines Erachtens nicht ausreichend belegt wurden. Die plastisch-eindringliche Darstellung jedoch ist gut gelungen: man spürt, dass hier ein Zeitzeuge, der den Aufstieg Hitlers selber erlebt hat, aus eigenen Erfahrungen spricht. Und dies macht den Wert dieses wichtigen Buches aus. Als ergänzende Lektüre zur Vertiefung mit Quellen sei noch empfohlen: Gordon A. Craig: Deutsche Geschichte 1866-1945 sowie von Christian Krockow: Deutsche Geschichte 1890-1990.
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