"Auf irgendeiner Seite eines seiner vierzehn Bände meint De Quincy, ein Problem entdeckt zu haben sei nicht weniger bewundernswert (und weit fruchtbarer) als die Entdeckung einer Lösung."
Borges liebte Probleme. Oder besser: Er liebte faszinierende Ideen, die ja teilweise auch gleichsam faszinierende Probleme sind (Mythen, Theorien, literarische Techniken, inhaltliche und stilistische Obskuritäten).
In diesem Buch sind Beiträge versammelt, die Borges zwischen 1936-39 alle zwei Wochen für die Zeitung "El Holgar" schrieb. Es sind kurze Biogramme & Buchbesprechungen, ab und zu auch mal ein 3-4 seitiger Essay oder eine kleine Notiz aus dem literarischen Leben, wie diese hier:
"Eine der literarischen Koketterien unserer Zeit ist die methodische, beflissen Ausarbeitung von Werken, die chaotisch wirken. Unordnung stimulieren, mühsam ein Chaos konstruieren, die Intelligenz einsetzten um die Effekte der Zufälligkeit zu erzielen, das war, in ihrem jeweiligen Moment, das Werk von Mallarme und von James Joyce. Die fünfte Dekade der Cantos von Pound, eben in London erschienen, setzt diese absonderliche Tradition fort."
Wie schon mein Vorredner betonte, ist Borges ein Meister in der Kunst der anschaulichen Darstellung. Dabei ist sein Blickwinkel immer persönlich und allumfassend zugleich. Immer wieder zitiert er oder stellt allgemeine und treffliche Überlegungen an (wie hier am Anfang eines Biogramms von Oswald Sprengler(
Der Untergang des Abendlandes)):
"Es ist statthaft zu bemerken (mit der solchen Bemerkungen eigenen Leichtigkeit und Brutalität), dass die Philosophen Englands und Frankreichs das Universum unmittelbar interessiert, oder ein bestimmter Zug des Universums, während die Deutschen dazu neigen, den Kosmos als simple Anregung, als bloßen materiellen Anlass ihrer ungeheuren dialektischen Bauwerke zu betrachten, die immer ohne Fundament, aber immer grandios sind."
Bei alldem ist Borges ein Leser auf vielen Gebieten, mit einem Schwerpunkt auf phantastischen Erzählungen(z.B.: Chesterton, Wells), Kriminalromanen (z.B.: Ellery Queen, S.S. van Dine) und Sachbüchern (z.B. von Huxley, Joad), aber auch Klassiker (z.B.: Joyce, Hemingway) sind enthalten und die ein oder andere Überraschung ist auch zu finden.
Ich verdanke diesem Buch sehr viel und Borges noch mehr. Es brachte mir Wells und Chesterton nah, erweiterte mein Wissen über die amerikanische Kriminalliteratur, über die Theaterautoren des frühen 20. Jahrhunderts, und weckte bei alldem mein Interesse für die verschiedensten großartigen Ideen und Abstraktionen.
"Bekanntlich interessiert die Kritiker weniger die Kunst als die Kunstgeschichte; weniger das effektive Bewirken von Schönheit als die riskante Suche danach. Ein Buch, dessen fundamentaler Wert die Vollkommenheit ist, wird oft weniger kommentiert als ein Werk, das die Stigmata des Abenteuers oder der bloßen Unordnung aufweist."
Borges interessiert sich für beides, für die hohe Kunst des Lesens und des Schreibens und zusätzlich für die Zusammenhänge. Jedem, der Bücher liebt und sich gerne faszinieren lässt, kann ich dieses Buch nur empfehlen. (Außerdem den Essayband
Inquisitionen, der unübertroffen gut ist!)
"Ich bin vierzig. Ich habe viele Bücher gemacht.
Und mehr Verse, als ein Korb Bienen hat.
Sie sind fort. Welches Abenteuer erleben sie?
Sie mögen das Exil. Der Abend hilft ihnen leben."
Jules Romains