Das ist meine erste Lektüre von Max Goldt. Als Sammelsurium von Texten, Dialogen und Reiseberichten kann man sich von Goldts feiner Beobachtungs- und Sprachkunst überzeugen. Die Ära von Kommerzreligion, Medienmassenwahnsinn und hoher Lebensgeschwindigkeit hat uns bereits infiltriert. Eine Fremdbestimmung, die weit außerhalb des eigenen Lebensmittelpunkts liegt und deshalb unglücklich macht. Hier hilft nur Höflichkeit, Disziplin und QQ - "Quiet quality".
"Ganz Deutschland wird im Geschmacksdiktat der unteren Mittelschicht ersäuft"... Ja, hier handelt es um besonders treue Medienkonsumenten. Ungeahnte Folgen wird das haben, wenn einer ganzen Generation von Heranwachsenden suggeriert wird, daß "Sängerin in einer Band" ihre berufliche Zukunft sein kann. Nur schade, daß es bei diesen armen Seelen dann zwangsläufig uncool ist, einen normalen Beruf zu lernen.
Goldt ist ein Fürst der deutschen Sprache. Er formuliert nach seiner Denklinie und macht vor den Grenzen einer Enzyklopädie nicht halt. Interessante Neologismen sind die Folge. Die Wort- und Satzkomposition (reich an Anglizismen) zeigt aber, was Goldt wirklich ist: ein Kind der Gegenwart. Und so habe ich "Der Sprachkritiker als Unsympath" auch nicht als zu arrogant empfunden. Als Leser wird es ganz besonders bewußt, daß Sprache veränderlich und lebendig ist. Toll, Max Goldt hat einen Kreativpreis dafür verdient. Hier ein paar schöne Beispiele: Kleintalentverweser, Konkavrückenschinken, Gehabefluß, ersatzgräflich.
Max Goldts Text ist reich an klugen Sätzen, hier nur zwei, die ich für gegeben hielt zu notieren:
"Understatement ist letztlich nur eine kenntnisreichere Form der Prahlerei".
"Die Verachtung ist eine wertvolle und saubere Alternative zum Haß und zum Ekel".
Sicher, der Umfang des Textes ist relativ gering, von vielen Kommentatoren hier wird der hohe Wortkilopreis bemängelt. Weniger ist mehr, sage ich, hat es doch den außerordentlichen Vorzug, daß man nach der Lektüre noch Lust hat, ein paar Seiten zurückzublättern.